Küstenseeschwalbe


Küstenseeschwalbe

Küstenseeschwalbe (Sterna paradisaea)

Systematik
Klasse: Vögel (Aves)
Ordnung: Regenpfeiferartige (Charadriiformes)
Familie: Seeschwalben (Sternidae)
Gattung: Sterna
Art: Küstenseeschwalbe
Wissenschaftlicher Name
Sterna paradisaea
Pontoppidan, 1763

Die Küstenseeschwalbe (Sterna paradisaea) ist eine Vogelart aus der Familie der Seeschwalben (Sternidae). Sie gilt als der Zugvogel mit der längsten Zugstrecke überhaupt, da sie in der Nordpolarregion brütet und in den Südpolarregionen überwintert.

Beschreibung

Die Küstenseeschwalbe erreicht eine Körpergröße zwischen 33 und 36 Zentimeter. Die Flügellänge beträgt 23,9 bis 29 Zentimeter und die Flügelspannweite 76 bis 85 Zentimeter. Das Gewicht variiert zwischen 86 und 127 Gramm.[1]

Die Küstenseeschwalbe ähnelt stark der Flussseeschwalbe (St. hirundo). Ihr Gefieder ist weiß bis hellgrau gefärbt. Im Prachtkleid ist der Schnabel der Küstenseeschwalbe einheitlich rot gefärbt, ohne deutlichen schwarzen Spitzenabschnitt wie bei der Flussseeschwalbe. Die schwarze Kopfkappe reicht nur bei der Flussseeschwalbe bis weit in den Nacken, während sie bei der Küstenseeschwalbe kürzer ist. Im Schlichtkleid wird der Schnabel schwarz und der Oberkopf weiß. Die Küstenseeschwalbe hat im Vergleich zur Flussseeschwalbe sehr kurze Beine, dafür aber um so längere Schwanzspieße. Aber auch mit Hilfe dieser Merkmale lassen sich beide Arten nur schwer unterscheiden.

Ihr Ruf klingt in etwa wie "kirrarr".

Lebensraum

Die Küstenseeschwalbe bevorzugt als Stoßtaucher in der Regel klare und vegetationsarme Küstenabschnitte. Ähnlich wie die Flussseeschwalbe, mit der es in der Nutzung des Biotops einige Überschneidungen gibt, sucht die Küstenseeschwalbe die großen Flussmündungen und die weiträumigen Wattgebiete zwischen dem Festland und den Inseln auf. Für beide scheint die reiche Strukturierung des Watts, mit seinem verzweigtem System von Prielen und Baljen, Gräben, Buhnen und Gezeitentümpeln wichtig zu sein. Im Unterschied zur Flussseeschwalbe ist der Aktionsradius der Küstenseeschwalbe bei der Nahrungssuche jedoch wesentlich kleiner.

Verbreitung

Verbreitung und Zugwege: rot=Sommer, blau=Winter, grün=Zugwege

Küstenseeschwalben brüten zirkumpolar holoarktisch von den borealen Zonen bis in die Hocharktis, nur mit durch Sommereis bedingten Verbreitungslücken. In Mitteleuropa hat sie als regelmäßiger Brutvogel an der Nord- und Ostseeküste ihren südlichsten Verbreitungsraum. Sie ist hier, während der Brutzeit, nur in kleiner Zahl auf den Ostfriesischen Inseln und in etwas größerer Zahl auf Scharhörn anzutreffen. Größere Zahlen brüten an der Nordseeküste Schleswig-Holsteins und Dänemarks. An der Ostsee ist sie regelmäßiger Brutvogel in der Wismarer Bucht.

Nahrung

Als Nahrung nehmen Küstenseeschwalben kleine Fische, Insekten, pelagische und litorale Crustaceen auf. Beim sogenannten Stoßtauchen wird die Wasseroberfläche von den Vögeln zunächst in einem langsamen Suchflug sorgfältig abgesucht. Hat die Küstenseeschwalbe eine Beute entdeckt, kippt sie mit halbgeschlossenen Flügeln plötzlich in die Senkrechte ab und stößt im steilen Winkel nach unten. Der Vogel verschwindet beim Eintauchen vollständig im Wasser, kommt aber nach kurzer Zeit mit den Flügeln zuerst wieder hervor.

Migration

Flugbild einer Küstenseeschwalbe
Junge Küstenseeschwalbe

Die Küstenseeschwalbe ist der Zugvogel mit dem längsten Zugweg. Ihre Winterquartiere liegen am Rand der antarktischen Packeiszone zwischen dem 55. und 70. südlichen Breitengrad im Süden des Atlantischen- und Indischen Ozeans, in der Weddell-See und vor der Antarktis. Die Vögel legen auf ihrem Zug von den arktischen Brutplätzen in die antarktischen Überwinterungsgebiete und retour eine Strecke von bis zu 30.000 km zurück - fast einmal um die Erde. Neuere Forschungen ergaben, dass einzelne Individuen bis zu 80 000 Kilometer in einem Jahr zurücklegen.[2] Beide Lebensräume, also die nördlichen und südlichen Polargebiete, bieten in den Sommermonaten ein reichhaltiges Nahrungsangebot für die Vögel. Durch die Ausnutzung der polaren Sommer von Arktis und Antarktis haben die visuell jagenden Küstenseeschwalben den zusätzlichen Vorteil, dass in ihrem Lebensraum in insgesamt acht Monaten die Sonne nicht untergeht und sie (theoretisch) 24 Stunden am Tag auf Nahrungssuche gehen können. Welche Route die Küstenseeschwalbe auf ihrem Weg zwischen den beiden „Polen“ zurücklegt, hängt vom individuellen Brutplatz der Tiere ab. Vögel, die in den hohen Breiten im Osten Nordamerikas brüten, überqueren den Atlantik und treffen dort auf der Höhe der Iberischen Halbinsel auf Küstenseeschwalben aus dem Nordwesten Europas. Gemeinsam fliegen sie nach Süden bis zur Westspitze Afrikas. Bei Kap Verde spaltet sich die Gruppe in drei Zugwege auf. Eine Gruppe folgt weiter der afrikanischen Küste, eine zweite wendet sich direkt über dem offenen Südatlantik in Richtung Antarktis, und eine dritte quert auf dieser Höhe den Atlantik nach Südamerika und folgt dort der Küste bis zum Kap Hoorn. Die kleineren Teilpopulationen aus dem Westen Nordamerikas und dem Osten Asiens treffen sich zu Beginn ihrer Reise und folgen der Westküste Nord- und Südamerikas, um in südöstlicher Richtung zur Südspitze Südamerikas zu ziehen. Die letzte und anstrengendste Etappe legen alle vier Gruppen wieder gemeinsam zurück in ihr Hauptüberwinterungsquartier, das im Süden des Indischen Ozeans liegt. Der Zugweg der Küstenseeschwalbe orientiert sich in erster Linie an den vorherrschenden Windrichtungen, die die Tiere ausnutzen und so ihre Durchschnittsgeschwindigkeit um bis zu 30 km/h steigern. Küstenseeschwalben, die in Grönland ansässig sind können auf diese Weise auf der Hinreise in Richtung Weddell-Meer durchschnittlich rund 330 Kilometer pro Tag zurücklegen. Auf der Rückreise schaffen sie sogar bis zu 520 Kilometer am Tag: Wegen der günstigeren Windsysteme wählen sie hierfür eine S-förmige Route mitten durch den Südatlantik.[2]

Auf dem Heimzug können die Vögel den durch das zurückgehende Packeis entstehenden festlandsnahen Ostwind auszunutzen. Küstenseeschwalben, die, gefangen in der Westwindzone, zu weit nach Osten abdriften, können erst nach dem Umrunden der Antarktis den Heimzug nordwärts antreten.

Mauser

In Anpassung an ihren extremen Zugweg weicht die Küstenseeschwalbe stark vom Mauserrhythmus anderer Seeschwalben ab. Im Unterschied zur Flussseeschwalbe werden alle Schwingen und Steuerfedern nur einmal gewechselt. Diese Schwingenmauser erfolgt auf einen Zeitraum zusammengedrängt von 3 bis 3½ Monaten ausschließlich im Packeis der Arktis. Bei der Flussseeschwalbe dauert die Erneuerung der Handschwingen etwa 10 Monate.

Fortpflanzung

Balzende Küstenseeschwalbe
Brütende Küstenseeschwalbe auf dem Amrumer Kniepsand
Frisch geschlüpftes Küken, an der Schnabelspitze ist noch der Eizahn zu erkennen.

Die Vögel werden mit 3 - 5 Jahren geschlechtsreif, wobei die Mehrzahl im vierten Jahren das erste Mal brütet. Wie auch die Möwen brüten diese Seeschwalben in Kolonien mit bis zu 1000 Tieren. Bevorzugtes Bruthabitat sind spärlich bewachsene Inseln, in Sanddünen und Kiesbetten. Das Nest ist eine mit dem Körper des Vogels in den Boden gedrehte Mulde, die meist nur dürftig mit Halmen ausgekleidet wird. Das Weibchen legt ein bis drei 4 cm große Eier. Beide Elternteile wärmen die Eier etwa drei Wochen bis die Küken schlüpfen. Die Jungen fliegen mit 21 bis 24 Tagen aus und werden in der Regel noch eine Woche gefüttert. Gegen Feinde wird die Brut durch Sturzflüge verteidigt.

Bruterfolg und Alter

Zu hohen Verlusten bei den Jungvögeln führt die Jagdtechnik der Seeschwalben, die nicht angeboren ist, sondern erlernt werden muss. Schwierig bei der Technik des Stoßtauchens ist es für die Tiere, den Fehler, der durch die Lichtbrechung an der Wasseroberfläche auftritt, mit einzukalkulieren. Die Küstenseeschwalbe haben eine Lebenserwartung von etwa 10 bis 11 Jahren. Der bisher älteste Vogel wurde in einer Brutkolonie mit 34 Jahren (als aktiver Brutvogel) kontrolliert.

Bestandsgröße und Bestandsentwicklung

Die Küstenseeschwalbe erreicht an den mitteleuropäischen Küsten ihre regionale Südgrenze. Neben dem mitteleuropäischen Brutbestand von 6000 bis 7000 Paaren besteht nur noch ein unregelmäßig besetzter Brutplatz in der Bretagne. Insgesamt sind die Angaben zu den Bestandszahlen unsicher, da häufig Küsten- und Flussseeschwalbe zusammengezählt worden sind.

Belege

Literatur

  • Hadoram Shirihai: A Complete Guide to Antarctic Wildlife - The Birds and Marine Mammals of the Antarctic Continent and Southern Ocean, Alula Press, Degerby 2002, ISBN 951-98947-0-5

Weblinks

Commons: Küstenseeschwalbe – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Shirihai, S. 232
  2. 2,0 2,1 Carsten Egevang, Iain J. Stenhouse, Richard A. Phillips, Aevar Petersen, James W. Fox, and Janet R. D. Silk: Tracking of Arctic terns Sterna paradisaea reveals longest animal migration. In: PNAS Early Edition. 107. Jahrgang, Nr. 5, Januar 2010, S. 2078–2081, doi:10.1073/pnas.0909493107, PMID 20080662 (pnas.org).

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