Jean-Henri Fabre

Jean-Henri Fabre
Jean-Henri Fabre, Aufnahme Nadar

Jean-Henri Casimir Fabre (* 21. Dezember 1823 in Saint-Léons du Lévézou; † 11. Oktober 1915 in Sérignan-du-Comtat, Vaucluse) war ein französischer Naturwissenschaftler (Entomologe), Dichter und Schriftsteller, Mitglied der Académie Française und der Légion d'honneur. Er gilt als ein Wegbereiter der Verhaltensforschung und der Ökophysiologie.

Leben

Jean-Henri Fabre erlebte in seiner Kindheit im Lévezou die Kargheit des französischen Zentralmassivs. Heute befindet sich in Saint-Léons das Micropolis, ein modernes Insektenmuseum. Ein kleines Privatmuseum zeigt außerdem, wie Fabres Geburtshaus ausgesehen haben mag.

Mit zehn Jahren erhielt Fabre ein Stipendium für das Gymnasium in Rodez, wo in den nächsten Jahren der Grund gelegt wird für seine humanistische Bildung, seine Kenntnisse in Latein und Griechisch; hier lernte er Vergil kennen, der ihm eine erste Beziehung zur Natur vermittelte. Mit seinen Eltern zog er nach Toulouse und Montpellier. Mit siebzehn Jahren bestand Fabre die Aufnahmeprüfung für das Lehrerseminar in Avignon. Mit Hilfe eines Stipendiums konnte er die Ausbildung nach zwei Jahren mit einem Diplom abschließen. Von 1842 bis 1849 war Fabre als Lehrer in Carpentras in der Provence tätig. 1844 holte er das Abitur nach. 1846 erhielt Fabre das Lizenziat für Mathematik und 1848 für Physik. 1855 wurde er an der Naturwissenschaftlichen Fakultät in Paris promoviert. Von 1849 bis 1853 war er als Physiklehrer am Lyzeum in Ajaccio (Korsika) tätig. In dieser Zeit studierte er die Pflanzen und Muscheln Korsikas. 1853 wurde er als Physikprofessor nach Avignon versetzt, wo er bis 1870 wirken konnte.

Avignon

Nach der Julirevolution von 1830 gab es 1833 ein Gesetz (loi Guizot) zur Reform des öffentlichen Schulwesens: Bildung galt als ein Mittel zur Versöhnung des erstarkten Bürgertums mit dem nach wie vor unruhigen Volk. Die Modernisierung wurde insbesondere getragen von Victor Duruy, der seit 1863 Kultusminister war. 1867 begann Duruy ein Programm der Erwachsenen- und Mädchenbildung. Er besuchte Fabre in Avignon und gewann ihn für die Mitwirkung, in diesem Rahmen Abendkurse für jedermann zu veranstalten. Im Zweiten Kaiserreich gewann die katholische Kirche in Frankreich wieder an Einfluss. Sie nahm Anstoß an den Kursen, insbesondere an der Teilnahme von Mädchen. Unter ihrem Einfluss musste Dutruy 1869 als Kultusminister zurücktreten. Auch Fabre bekam den kirchlichen Widerstand zu spüren: Er wurde aus dem Schuldienst entlassen und verlor seine Mietwohnung. Inzwischen waren seine Einkünfte aus der Veröffentlichung von Lehr- und Schulbüchern so weit gestiegen, dass er den Versuch einer Selbständigkeit wagen wollte. Ein erster Versuch, sich mit seiner Familie in der ländlichen Umgebung anzusiedeln, war nicht von Dauer. Erst 1879 konnte er ein Anwesen in Sérignan-du-Comtat im Kanton Orange-Est erwerben. Sein Freund, der englische Politiker und Naturphilosoph John Stuart Mill, der zeitweilig in Avignon lebte, finanzierte den Erwerb mit einem Darlehen von 3.000 Franc. (Der Darlehensbetrag entspricht einer heutigen Kaufkraft von circa 24.000 EURO.)

Sérignan-du-Comtat

Sein Harmas nannte Fabre dieses Anwesen. In seinen Souvenirs Entomologiques schreibt er darüber:

„Das ist es, was ich gesucht habe, hoc erat in votis: ein Stück Land, nein, nicht besonders gross, aber abgeschlossen und geschützt vor neugierigen Blicken; ein Stück Land, verlassen, unfruchtbar, von der Sonne verbrannt, aber günstig für Disteln und Hautflügler. Da kann ich Sandwespe und Grabewespe befragen, ohne von Passanten gestört zu werden, […] Hoc erat in votis: ja, das war mein Wunsch, mein Traum, solange verfolgt und immer wieder entrückt in nebelhafte Ferne. […] Seit vierzig Jahren kämpfe ich mit unerschütterlichem Mut gegen die kleinlichen Erbärmlichkeiten des Lebens; nun endlich ist das langersehnte Laboratorium Wirklichkeit geworden. Was es mich gekostet hat an beharrlicher, hartnäckiger Mühe, das werde ich nicht zu sagen versuchen. Es ist da und mit ihm - noch schwerer zu bekommen - vielleicht ein wenig Muße. […] Es ist ein Harmas. So bezeichnet man auf dem Land eine unbestellte, steinige, dem Thymian überlassene Fläche, […]“[1]

Anwesen Fabres und Sitz des Harmas in Sérignan-du-Comtat

Nachdem Fabre die lange unbewohnten, vernachlässigten Gebäude saniert und den Garten mit einer Mauer umgeben hatte, wohnte er hier mit seiner Familie bis zu seinem Tod. Seine materielle und geistige Unabhängigkeit verteidigte er – nicht ohne gelegentliche Geldsorgen.

Heute ist der Harmas als staatliches Museum der Öffentlichkeit zugänglich. Er liegt in der Nähe von Orange, nicht weit von der Autobahn A7 von Lyon nach Süden. Außer dem Garten und den Wohnräumen ist insbesondere der Arbeitsraum Fabres zu sehen mit dem winzigen, kaum einen Quadratmeter großen Tisch, an dem er gearbeitet und geschrieben hat. Als eine japanische Firma das berühmte kleine Tischchen des Gelehrten nachbaute, verkaufte sie auf Anhieb 10.000 Stück davon.

Familie

1844 heirateten Jean-Henri Fabre und Marie-Césarine Villard († 1885), und im selben Jahr wurde die erste Tochter geboren. Insgesamt gingen sieben Kinder aus der Ehe hervor, von denen zwei das Kindesalter nicht überlebten. Jean-Henri Fabre heiratete 1887 in zweiter Ehe Marie-Joséphine Daudeldie (* 1863), mit der er weitere drei Kinder hatte. Nach dem Tod der zweiten Ehefrau versorgte seine Tochter Aglaé ihren Vater. Sie selbst wohnte im Harmas bis 1931.

Aktivitäten

Fabre stand mit vielen Größen seiner Zeit in Briefwechsel, insbesondere auch mit Charles Darwin. Dessen Evolutionstheorie gegenüber blieb er jedoch skeptisch, wie er überhaupt allen Theorien und Systemen gegenüber zurückhaltend blieb. Seine Stärke war die sorgfältige und genaue Detailbeobachtung, die Feldforschung. Vor allen voreiligen, verallgemeinernden Schlussfolgerungen aus seinen Beobachtungen war er immer auf der Hut. Besonders beschäftigt hat ihn in zahlreichen Detailbeobachtungen und Versuchen das tierische Instinktverhalten.

Fabre hat zahlreiche Bücher veröffentlicht , in denen er wissenschaftliche und andere Themen - Chemie, Botanik, Arithmetik, Himmelskunde, Algebra und Trigonometrie, Landwirtschaft usw. - in volkstümlicher Weise insbesondere der Jugend nahezubringen suchte. Er hatte damit solchen Erfolg, dass er schließlich davon leben konnte. Wenn ihm dabei der allgemeine Aufschwung des Bildungswesen zustatten kam, so hatte er doch auch ein besonderes pädagogisches Talent. Seine Fähigkeit, komplizierte Sachverhalte und Abläufe in spannender, gut lesbarer Form darzulegen, zeigt sich gerade auch in seinen Souvenirs Entomologiques.

Fabre hat auch gemalt. Von Kind auf hatte er besonderes Interesse an Pilzen und er schuf 616 Aquarelle mit Pilzdarstellungen, nach dem Urteil ausgewiesener Experten von großer wissenschaftlicher Genauigkeit. Auch diese Kunst hat er als Autodidakt erlernt, ohne jemals Zeichen- oder Malunterricht erhalten zu haben.

Auch musiziert hat Fabre. Noch heute befindet sich im Harmas das Harmonium, auf dem er zur abendlichen Unterhaltung gespielt hat. Er konnte Noten lesen und schreiben und wusste – hier wie überall - zu improvisieren. Einem Freund schickte er eines Tages Noten und Text zu einem von ihm verfassten Lied und schrieb dazu:

„[…] erschrick nicht über die vielen Halbtöne. Ich habe festgestellt, dass Halbtöne auf dem Harmonium sanfter klingen […]“

1912 wurde Fabre für den Nobelpreis für Literatur vorgeschlagen. Die schwedische Akademie zeichnete jedoch den deutschen Dichter und Dramatiker Gerhart Hauptmann aus.

1951 entstand in Frankreich Monsieur Fabre die Verfilmung seines Lebens mit Pierre Fresnay in der Titelrolle.

Publikationen

Weltbekannt und in viele Sprachen übersetzt sind seine Souvenirs Entomologiques (Entomologische Erinnerungen), ein umfangreiches Werk, das Fabre in zehn Serien in den Jahren 1879 bis 1907 veröffentlicht hat. Es verbindet die sorgfältige und genaue Beschreibung von Insektenbeobachtungen mit persönlichen Erinnerungen, mit Schilderungen der Menschen und der Natur seiner südfranzösischen Heimat und mit Gedichten in französischer und occitanischer Sprache. Besonders in Japan wird Fabre geehrt als ein Mann, der in vorbildlicher Weise naturwissenschaftliche und literarische Bildung verbunden hat.

In Deutschland waren Fabre und seine Souvenirs Entomologiques weitgehend unbekannt geblieben. Inzwischen sind Übersetzungen erschienen. Kurt Guggenheim schreibt in seiner Übersetzungsauswahl Das offenbare Geheimnis:

„[…] die Kunst ist in Fabres Werk sozusagen ein Nebenprodukt. So wie über allen seinen Schilderungen der Duft von Thymian und Lavendel ruht, die Sonne der Provence gleißt und der Mistral weht, so hat sich in vielen seiner Kapitel eine unnennbare Poesie ausgebreitet, von der der Leser angerührt wird.“

Werke (Auswahl)

Französische Gesamtausgaben
  • Souvenirs Entomologiques. Études sur l'instinct et les moeurs des insectes - I. Première à cinquième série. Robert Laffont, Paris 2001, ISBN 2-221-05462-8
  • Souvenirs Entomologiques. Études sur l'instinct et les moeurs des insectes II. Sixième à dixième série. Robert Laffont, Paris 1998, ISBN 2-221-05463-6
Deutschsprachige Ausgaben
  • Bilder aus der Insektenwelt. Erste bis vierte Reihe in zwei Bänden. Stuttgart: Kosmos, Franckh'sche Verlagshandlung, Bd. I: o.J., Bd. II: 1914.
  • Das offenbare Geheimnis. Aus dem Lebenswerk des Insektenforschers (Souvenirs Entomologiques - Études sur l'instinct et les moeurs des insectes [Auswahl]). Artemis, Zürich und München 1977, ISBN 3-7608-0716-X.
  • Wunder des Lebendigen. Aus der vielfältigen Welt der Insekten (Souvenirs Entomologiques - Études sur l'instinct et les moeurs des insectes [Auswahl]). Artemis, Zürich und München 1989, ISBN 3-7608-1014-4.
  • Bilder aus der Insektenwelt. Einmalige Edition der Kosmos-Originalausgaben von 1908 bis 1914 * Erste bis vierte Reihe (Souvenirs Entomologiques [Auswahl]). Franckh-Kosmos, Stuttgart 2003, ISBN 3-440-09642-4.
  • Ein Blick ins Käferleben (Souvenirs Entomologiques [Auswahl]). Franckh-Kosmos, Stuttgart 1910.
  • Der Sternhimmel. Vorlesungen für jung und alt aus dem Gebiete der Himmelskunde (bearbeitet von R. Graff). Franckh-Kosmos, Stuttgart 1911.
  • Die Luft (L'air, nécessaire à la vie). Friedenauer Presse, Berlin 1985, ISBN 3-921592-18-6
  • Ich aber erforsche sie mitten im Leben! Von der Poesie der Insekten Heinrich und Hahn Verlag, Frankfurt/M. 2008 (Auswahl aus den Souvenirs Entomologiques), ISBN 978-3-86597-047-3.
  • Entomologische Erinnerungen, 1. Serie (1879), zweisprachige Ausgabe, übersetzt von Franz-Josef Wittmann lulu.com, ISBN 978-1-4452-5812-6.
  • Entomologische Erinnerungen, 2. Serie (1882), zweisprachige Ausgabe, übersetzt von Franz-Josef Wittmann lulu.com, ISBN 978-1-4461-0262-6.
  • Entomologische Erinnerungen, 10. Serie (1907), zweisprachige Ausgabe, übersetzt von Franz-Josef Wittmann lulu.com, ISBN 978-1-4710-2589-1.
  • Erinnerungen eines Insektenforschers I. Erster Band der Gesamtausgabe der Souvenirs entomologiques. Matthes & Seitz Berlin, 2009, ISBN 978-3-88221-664-6.
  • Erinnerungen eines Insektenforschers II. Zweiter Band der Gesamtausgabe der Souvenirs entomologiques. Matthes & Seitz Berlin, 2010, ISBN 978-3-88221-672-1.
  • Erinnerungen eines Insektenforschers III. Dritter Band der Gesamtausgabe der Souvenirs entomologiques. Matthes & Seitz Berlin, 2011, ISBN 978-3-88221-673-8.

Literatur

  • Martin Auer: Ich aber erforsche das Leben. Biografie. Beltz, Weinheim 1995 ISBN 3-407-80829-1
  • Yves Delange: Fabre, L'homme qui aimait les insectes. Paris/Genf 1986 ISBN 2-05-100733-0 u. Paris 1999 ISBN 2-7427-2188-6
  • Augustin Fabre: The life of Jean Henri Fabre, the entomologist, 1823-1910. Übersetzt von Bernard Miall, New York 1921, Online.
  • Kurt Guggenheim: Sandkorn für Sandkorn. Die Begegnung mit J.-H. Fabre. Artemis, Zürich u. Stuttgart 1959.
  • Ralf Nestmeyer: Französische Dichter und ihre Häuser. Insel, Frankfurt am Main 2005 ISBN 3-458-34793-3
  • Peter Steinbach: Die wunderbare Welt des Jean-Henri Fabre. Hörspiel, DeutschlandRadio, Berlin 2004 ISBN 3-937458-07-7

Einzelnachweise

  1. Entomologische Erinnerungen. 2. Serie. 1882, zweisprachige Ausgabe, übersetzt von Franz-Josef Wittmann, S. 1

Weblinks

 Commons: Jean Henri Fabre – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

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