Falkenartige

Falkenartige
Turmfalken (Falco tinnunculus)

Turmfalken (Falco tinnunculus)

Systematik
Unterstamm: Wirbeltiere (Vertebrata)
Klasse: Vögel (Aves)
Ordnung: Greifvögel (Falconiformes)
Familie: Falkenartige
Wissenschaftlicher Name
Falconidae
Vigors, 1824

Die Falkenartigen (Falconidae) sind eine fast weltweit vorkommende Familie kleiner bis mittelgroßer Vögel, die traditionell der Ordnung der Greifvögel (Falconiformes) zugeordnet wird. Die Familie umfasst 10–12 Gattungen und 67 Arten.[1] Bekannte Arten, die in Deutschland und Mitteleuropa heimisch sind, sind der Turmfalke (Falco tinnunculus), der Baumfalke (Falco subbuteo) und der Wanderfalke (Falco peregrinus).

Verbreitung

Falkenartige leben auf allen Kontinenten mit Ausnahme der Antarktis und fehlen lediglich im vergletscherten Inneren Grönlands, weiteren arktischen Inseln wie Spitzbergen, Franz-Joseph-Land, der Nordinsel von Nowaja Semlja, den Sedow-Inseln, im zentralen Regenwald des Kongobeckens und auf einigen ozeanischen Inseln. Generell leben die größeren Arten in eher kalten oder gemäßigten Klimaten, während kleiner Arten eher tropisch sind. Die größte Artenvielfalt gibt es in Mittel- und Südamerika, wo vor allem Lach- und Waldfalken (Herpetotherinae) sowie Geierfalken (Polyborinae) vorkommen, und in Afrika wo es allein 17 dort brütende Arten der Gattung Falco gibt [2].

Merkmale

Porträt eines Lannerfalken

Falkenartige haben kleine, leichtgewichtige Körper und mit Ausnahme der Karakaras, einen kurzen Hals. Die für den Flug wichtige Brustmuskulatur macht zwischen 12 und 20 % (beim Wanderfalken) des Körpergewichts aus. Die Flugsilhouette der Tiere weist lange, sichelförmige Flügel auf, meist ohne die „Fingerung“, die für andere Greifvögel typisch ist. Das Gefieder der Falkenartige ist braun, nussfarben, grau, schwarz oder weiß, meist gebändert oder fleckig und mit wenigen Ausnahmen, z. B. beim Gelbkehlkarakara (Daptrius ater), nicht glänzend. Bei einigen Waldfalken treten melanistische oder rein rotbräunliche Morphen auf. Tropische Arten haben oft ein auffälligeres Gefieder als die aus gemäßigten Regionen. Falkenartige wechseln ihr Gefieder für gewöhnlich in einer jährlichen Vollmauser bei der das Klein- und Großgefieder vollständig ersetzt wird. Sie findet normalerweise während der Brutzeit statt. Die Federn werden nacheinander nach einer bestimmten, für die Familie charakteristischen Reihenfolge ersetzt. Sie beginnt an beiden Flügeln mit der vierten Handschwinge, von innen gesehen, und setzt sich von da an zu beiden Seiten nacheinander fort. Auch der Gefiederwechsel am Schwanz beginnt am inneren Federpaar. Die Augenfarbe der meisten Falkenartigen ist braun, nackte Kopfpartien, Augenringe und die Beine sind oft gelb manchmal auch grau. Die Nasenlöcher sind von einer fleischigen Zone umgeben und rund, oval, bei den Karakaras auch schlitzförmig. Der Schnabel ist klein, der Oberschnabel nach Greifvogelart nach unten gebogen. Im Unterschied zu den Habichtartigen, die ihre Beute mit den Fängen töten, benutzen Falken dazu den Schnabel. Kleine Schnäbel und starke Kiefermuskeln ermöglichen deshalb einen kraftvollen Biss. Der Gelbkehlkarakara (Daptrius ater) und die Bergkarakaras (Phalcoboenus) die sich eher omnivor ernähren, haben wenig gekrümmte, fast hühnerartige Schnäbel. [3]

Die kleinsten Falken, das Finkenfälkchen (Microhierax fringillarius) und das Weißscheitelfälkchen (Microhierax latifrons) wiegen nur 35 Gramm und erreichen Flügellängen von 89 bis 105 mm. Der größte, der im hohen Norden lebende Gerfalke (Falco rusticolus) erreicht ein Gewicht von 1,15 bis 1,7 kg und Flügelspannweiten zwischen einem und 1,31 Metern. [4]

Äußere Systematik

Falkenartige wurden als carnivore Vögel mit typischer Körper- und Schnabelform traditionell den Greifvögeln zugeordnet. Neuere phylogenetische Studien kamen allerdings zu dem Ergebnis, dass sie kein gemeinsames Taxon mit den übrigen Familien der Greifvögel, den Habichtartigen (Accipitridae), dem Fischadler (Pandionidae), dem Sekretär (Sagittariidae) und den Neuweltgeiern (Cathartidae) bilden, sondern innerhalb der sogenannten „Höheren Landvögel“ die Schwestergruppe einer gemeinsamen Klade von Papageien (Psittaciformes) und Sperlingsvögeln (Passeriformes) sind [5][6]. Die gemeinsamen Merkmale mit den Greifvögeln sind demnach konvergent entstanden. Die Falkenartigen werden deshalb heute als separate Ordnung aufgefasst, die von den übrigen Greifvögeln getrennt wird. Die Ordnung der Falkenartigen bekommt die wissenschaftliche Bezeichnung Falconiformes, da die Gattung Falco die Typusgattung der Ordnung ist, die übrigen Greifvögel bekommen nach der Gattung der Habichte und Sperber (Accipiter) den neuen wissenschaftlichen Namen Accipitriformes. [7][8][9]

Die wahrscheinlichen verwandtschaftlichen Beziehungen stellt folgendes Kladogramm dar:

 "höhere Landvögel" 

 Greifvögel (Accipitriformes)


     

 Eulen (Strigiformes)


     

 Mausvögel (Coliiformes)


     

 Rackenvögel (Coraciiformes) und Verwandte


     

 Seriemas (Cariamiformes)


     

 Falkenartige (Falconiformes)


     

 Papageien (Psittaciformes)


     

 Sperlingsvögel (Passeriformes)






Innere Systematik

Die Falkenartigen werden, je nach Autor in zwei, drei oder vier Unterfamilien unterteilt. Weitgehend Konsens ist, das die südamerikanischen Geierfalken (Polyborinae) als separate Unterfamilie von den übrigen Falkenartigen separiert werden.

Zweifarbenfälkchen

Unterfamilie Lachfalken und Waldfalken (Herpetotherinae)

  • Lachfalken (Herpetotheres)
  • Waldfalken (Micrastur) - 7 Arten
    • Sperberwaldfalke (Micrastur ruficollis)
    • Blei-Waldfalke/Einbinden-Waldfalke (Micrastur plumbeus)
    • Mintonwaldfalke (Micrastur mintoni)
    • Zweibinden-Waldfalke (Micrastur gilvicollis)
    • Graurücken-Waldfalke (Micrastur mirandollei)
    • Kappenwaldfalke (Micrastur semitorquatus)
    • Traylorwaldfalke (Micrastur buckleyi)

Unterfamilie Geierfalken (Karakaras) (Polyborinae)

  • Gelbkehlkarakaras (Daptrius)
    • Gelbkehlkarakara (Daptrius ater)
  • Rotkehlkarakaras (Ibycter)
  • Schopfkarakaras (Caracara) - 4 Arten
  • Chimangos (Milvago) - 2 Arten
  • Bergkarakaras (Phalcoboenus) - 4 Arten
    • Streifenkarakara (Phalcoboenus carunculatus)
    • Bergkarakara (Phalcoboenus megalopterus)
    • Weißkehlkarakara (Phalcoboenus albogularis)
    • Falklandkarakara (Phalcoboenus australis)

Unterfamilie Eigentliche Falken (Falconinae)

Unterfamilie Zwergfalken (Polihieracinae)

  • Eigentliche Zwergfalken (Microhierax) - 5 Arten
    • Rotkehlfälkchen (Microhierax caerulescens)
    • Finkenfälkchen (Microhierax fringillarius)
    • Weißscheitelfälkchen (Microhierax latifrons)
    • Zweifarbenfälkchen (Microhierax erythrogenys)
    • Elsterfälkchen (Microhierax melanoleucus)
  • Langschwanz-Zwergfalken (Neohierax)
    • Langschwanz-Zwergfalke (Neohierax insignis)
  • Tropfen-Zwergfalken (Spiziapteryx)
    • Tropfen-Zwergfalke (Spiziapteryx circumcinctus)
  • Halsband-Zwergfalken (Polihierax)
    • Halsband-Zwergfalke (Polihierax semitorquatus)

Stammesgeschichte

Einen ersten Nachweis der Familie in Form von fragmentarischen Überresten eines Vogels der kleiner als die Eigentlichen Zwergfalken (Microhierax) war, gibt es aus dem unteren Eozän von England vor 55 Millionen Jahren. Besser dokumentiert ist ein Fossil aus Frankreich, aus dem oberen Eozän vor 36 Millionen Jahren. Erste Nachweise aus Nord- und Südamerika gibt es aus dem Miozän vor etwa 23 Millionen Jahren. Darunter ist Badiostes, ein früher Repräsentant der Karakaras und auch Angehörige der großen Gattung Falco. Da alle Falco-Arten nah miteinander verwandt sind, nimmt man eine schnelle Adaptive Radiation im Pliozän und im Pleistozän an. Im Pleistozän lassen sich 20 rezente Arten nachweisen. [11]

Quellen

Einzelnachweise

  1. Ferguson-Lees & Christie:Die Greifvögel der Welt (deutsch von Volker Dierschke und Jochen Dierschke). Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-440-11509-1
  2. C. M. White et al. (1994), Seite 217
  3. C. M. White et al. (1994), Seite 221
  4. C. M. White et al. (1994), Seite 220
  5. Per G. P. Ericson et al.: Diversification of Neoaves: integration of molecular sequence data and fossils. Biol. Lett. doi:10.1098/rsbl.2006.0523 PDF
  6. Hackett et al.: A Phylogenomic Study of Birds Reveals Their Evolutionary History. Science 27 June 2008: Vol. 320. no. 5884, pp. 1763 - 1768 DOI: 10.1126/science.1157704 [1]
  7. Frank Gill and Minturn Wright: BIRDS OF THE WORLD Recommended English Names. Princeton University Press, 2006, ISBN 0-7136-7904-2
  8. WorldBirdNames.org IOC World Bird List
  9. AOU Committee on Classification and Nomenclature (North & Middle America) Proposals 2008-C
  10. Storrs L. Olson: A New Species of Large, Terrestrial Caracara from Holocene Deposits in Southern Jamaica (Aves: Falconidae). Journal of Raptor Research 42(4):265-272. 2008 doi:10.3356/JRR-08-18.1
  11. C. M. White et al. (1994), Seite 216

Literatur

  • C. M. White, P. D. Olsen & L. F. Kiff: Family Falconidae (Falcons and Caracaras), Seiten 216 bis 247 in Josep del Hoyo et al.: Handbook of the Birds of the World, Band 2 (New World Vultures to Guinea Fowl). Lynx Edicions, 1994, ISBN 84-87334-15-6
  • Ferguson-Lees & Christie:Die Greifvögel der Welt (deutsch von Volker Dierschke und Jochen Dierschke). Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-440-11509-1
  • Theodor Mebs: Greifvögel Europas - Biologie - Bestandsverhältnisse - Bestandsgefaehrdung. Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart 2002, ISBN 3-440-06838-2
  • Benny Génsbol, Walther Thiede: Greifvögel - Alle europäischen Arten, Bestimmungsmerkmale, Flugbilder, Biologie, Verbreitung, Gefährdung, Bestandsentwicklung. BLV Verlag, München 1997, ISBN 3-405-14386-1
  • Carole S. Griffiths, George F. Barrowclough, Jeff G. Groth & Lisa Mertz: Phylogeny of the Falconidae (Aves): a comparison of the efficacy of morphological, mitochondrial, and nuclear data. Molecular Phylogenetics and Evolution 32 (2004) 101–109, doi:10.1016/j.ympev.2003.11.019

Weblinks

 Commons: Falkenartige – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien
  • Animal Diversity Web: Kirschbaum, K. 2004. Falconidae

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