Cobalamine

Strukturformel
Strukturformel der Cobalamine
Coenzym B12 (=AdoCbl): R = 5′-Desoxyadenosyl
Cyanocobalamin (=Vitamin B12): R = –C≡N
Aquocobalamin (=Vitamin B12a): R = –OH2
Hydroxycobalamin (=Vitamin B12b): R = –OH
Methylcobalamin (=MeCbl oder MeB12): R = –CH3
Allgemeines
Trivialname 5′-Desoxyadenosylcobalamin
Andere Namen
  • Coenzym B12
  • Adenosylcobalamin
  • AdoCbl
  • Cobamamid (INN)
Summenformel C62H88CoN13O14P
CAS-Nummer 13870-90-1
ATC-Code

B03BA04

Kurzbeschreibung roter, kristalliner Feststoff (Cyanocobalamin)
Vorkommen tierische Produkte
Physiologie
Funktion Zellteilung, Blutbildung, Funktion des Nervensystems
Täglicher Bedarf 3 µg[1]
Folgen bei Mangel Perniziöse Anämie, neurologische Erkrankungen (z. B. funikuläre Myelose), Glossitis, Diarrhöen
Überdosis nicht bekannt
Eigenschaften
Molare Masse 1579,58 g·mol−1
Aggregatzustand fest
Schmelzpunkt zersetzt sich ab 392 °C (Cyanocobalamin)
Löslichkeit wenig löslich in Wasser: 12 g·l−1, unlöslich in Ether, Aceton und Chloroform (Cyanocobalamin)
Sicherheitshinweise
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung [2]
keine GHS-Piktogramme
H- und P-Sätze H: keine H-Sätze
EUH: keine EUH-Sätze
P: keine P-Sätze
Gefahrstoffkennzeichnung [2]
keine Gefahrensymbole
R- und S-Sätze R: keine R-Sätze
S: keine S-Sätze
LD50

5000 mg/kg (Meerschweinchen, peroral) [3]

Soweit möglich und gebräuchlich, werden SI-Einheiten verwendet. Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen.

Cobalamine sind chemische Verbindungen, die in allen Lebewesen vorkommen. Ihr wichtigster Vertreter ist das Coenzym B12, die biologisch aktive Form des Vitamins B12, das als Kofaktor (Coenzym) Teil mehrerer Enzyme ist. Beim Menschen sind zwei Cobalamin-abhängige Enzyme bekannt, die am Stoffwechsel der Aminosäuren teilnehmen. Cobalamine enthalten das Spurenelement Cobalt als Zentralatom.[4][5]

In der Medizin als Vitamin verwendet, wird Cyanocobalamin dabei vom menschlichen Organismus in das biologisch wirksame Coenzym B12 umgewandelt. Weitere zur Vitamin-B12-Gruppe gehörende Cobalamine sind die Speicherformen

  • Aquocobalamin bzw. Aquacobalamin (Vitamin B12a, die konjugierte Säure des Hydroxocobalamins),
  • Hydroxocobalamin bzw. Hydroxycobalamin (Vitamin B12b) und
  • Nitritocobalamin (Vitamin B12c)

sowie die eigentlich biologisch wirksamen Coenzym-Formen des Vitamins

  • Methylcobalamin (Methyl B12, MeCbl) und das schon erwähnte
  • Adenosylcobalamin (Coenzym B12b, AdoCbl, Extrinsic-Faktor).

Nomenklatur

Aus historischen Gründen wird der Begriff „Adenosylcobalamin“ oft auch für das synthetische, zunächst einmal biologisch inaktive Vitamin B12, d. h. Cyanocobalamin benutzt, während umgekehrt der Begriff „Vitamin B12“ immer wieder, vor allem in der Ernährungsliteratur, für das Coenzym B12, andere Cobalamine oder für die ganze Cobalamin-Stoffgruppe schlechthin gebraucht wird, was im Widerspruch zur bioanorganischen Nomenklatur steht, die diesen Begriff allein für das biologisch inaktive Cyanocobalamin reserviert.[6][7][8] Wo immer also im folgenden von den Eigenschaften von Vitamin B12 (und nicht Coenzym B12) die Rede ist, sollen damit stets die Eigenschaften von Cyanocobalamin (und nicht Adenosylcobalamin) gemeint sein.

Nicht zu verwechseln schließlich mit den eigentlichen Cobalaminen sind die Transcobalamine, bei denen es sich lediglich um Transportproteine für Vitamin B12 handelt.

Geschichte

Nachdem schon Anfang der 1920er Jahre der US-amerikanische Pathologe George H. Whipple entdeckt hatte, dass Hunde, die an perniziöser Anämie (bösartige Blutarmut) litten, durch Fütterung mit roher Leber von dieser sonst tödlich verlaufenden Krankheit geheilt werden konnten, führte die Suche nach der essenziellen Komponente dieser Heilmethode schließlich 1926 zur Beschreibung eines auch beim Menschen wirksamen „Antiperniziosa-Faktors“ durch die beiden US-amerikanischen Ärzte George R. Minot und William P. Murphy[9], die dafür zusammen mit Whipple 1934 den Nobelpreis für Medizin erhielten.

Die Isolierung des eigentlichen Wirkstoffs dagegen, des Vitamins B12 (Cyanocobalamin), gelang in kristalliner Form erst 1948, und das unabhängig voneinander zum einen einem Team amerikanischer Biochemiker um Karl A. Folkers, zum anderen einem britischen Forscherteam um den Chemiker E. Lester Smith.

1955 schließlich konnte die britische Biochemikerin Dorothy C. Hodgkin mit Hilfe der Röntgenbeugung an Vitamin-B12-Einkristallen auch deren Molekülstruktur aufklären, wofür sie u. a. 1964 mit dem Nobelpreis für Chemie geehrt wurde.[10]

Die darauf aufbauende Totalsynthese des Vitamins B12 gelang 1972 Albert Eschenmoser und Robert B. Woodward,[11] und noch heute gilt Vitamin B12 damit als eines der größten jemals in einem Labor totalsynthetisierten Moleküle.

Beschreibung

Cobalamine sind organometallische Verbindungen mit einem zentralen ein-, zwei- oder dreifach positiv geladenen Cobalt-Ion und als solche die bisher einzigen bekannten cobalthaltigen Naturstoffe.

Alle Cobalamine besitzen dabei dieselbe Grundstruktur eines Cobaltkomplexes, in dem das Cobaltkation von fünf Stickstoffatomen und einem sechsten, i.d.R. austauschbaren Liganden umgeben ist (siehe Abb.). Vier der Stickstoffatome gehören zu einem ebenen Corrin-Ringsystem, das das Cobaltkation so fest umschließt, dass es praktisch nur durch Zerstörung des Ringsystems wieder herausgelöst werden kann, während das fünfte Stickstoffatom zu einem nucleotidartig an den Corrinring gebundenen 5.6-Dimethyl-benzimidazol-Ring gehört.

Namensgebend für das jeweilige Cobalamin indes ist der sechste, austauschbare Ligand, der in den chemischen Strukturformeln meist mit R (für „Rest“) abgekürzt wird: Ist R eine Hydroxygruppe, handelt es sich bei dem Cobalamin um Hydroxycobalamin, ist R eine Cyanogruppe, um Cyanocobalamin, und bei einem 5'-Desoxyadenosylliganden als „Rest“ um 5'-Desoxyadenosylcobalamin, kurz Coenzym B12.

Meist ist der sechste Ligand R nur schwach an das Cobaltkation gebunden, so dass er leicht durch andere Liganden austauschbar ist und der menschliche Organismus zum Beispiel das therapeutisch eingesetzte Hydroxycobalamin oder Cyanocobalamin (Vitamin B12) durch Austausch der Hydroxy- gegen eine Cyanogruppe und dieser wiederum gegen eine 5'-Desoxyadenosylgruppe in das eigentlich biochemisch aktive Coenzym B12 umwandeln kann.

Cyanocobalamin (Vitamin B12) selbst ist eine geruchlose, tief dunkelrote, kristalline hygroskopische Substanz, die sich nur mäßig in Wasser und niederen Alkoholen, dagegen gar nicht in (apolaren) organischen Lösungsmitteln wie Aceton, Chloroform oder Ether löst. Zudem ist die Substanz zwar relativ hitzestabil, doch lichtempfindlich.

In der Zelle kommen Cobalamine im Cytosol vor allem als Methylcobalamin, in den Mitochondrien dagegen überwiegend als 5'-Desoxyadenosylcobalamin (Coenzym B12) vor. Die Abbildung zeigt die allgemeine Strukturformel der Cobalamine mit R als austauschbarem Liganden.

Funktion im Organismus

Vereinfachend zusammengefasst ist Vitamin B12 wichtig für die Zellteilung und Blutbildung sowie die Funktion des Nervensystems.

Coenzym B12 nimmt im humanen Organismus als Coenzym an nur zwei enzymatischen Reaktionen teil:

  • N5-Methyl-Tetrahydrofolat-Homocystein-S-Methyltransferase (Methionin-Synthase)[12] und
  • Methylmalonyl-CoA-Mutase[13]

Die Reaktion der Methionin-Synthase[14] dient u. a. der Regeneration des Methylgruppenüberträgers S-Adenosylmethionin (SAM) bzw. der Bildung von Methionin. Dabei wird Homocystein zum Methionin remethyliert. Gelingt dies nicht, bildet sich vermehrt Homocystein, ein Zwischenprodukt beim Abbau der Aminosäure Methionin (erhöhte Homocysteinspiegel werden mit der Bildung von Arteriosklerose in Zusammenhang gebracht). Als Methylgruppendonator fungiert dabei N5-Methyl-Tetrahydrofolat (N5-Methyl-THF). Fehlt Coenzym B12, so reichert sich N5-Methyl-THF an und es kommt zu einem sekundären Mangel an THF, welches für die Synthese der Purinbasen Adenin und Guanin und der Pyrimidinbase Thymidin erforderlich ist. Durch einen Mangel an diesen Nukleobasen ist die Synthese insbesondere von DNA aber auch RNA gestört. Dies äußert sich vorrangig in Organen mit hoher Zellteilungsaktivität wie dem Knochenmark. Es kommt zu einer mehr oder minder ausgeprägten Panzytopenie im Blut, wobei der Mangel an Erythrozyten – die Anämie – am offensichtlichsten ist. Die verbleibenden Erythrozyten werden mit Hämoglobin „vollgestopft“, so dass sie einen höheren Hämoglobingehalt als normale Erythrozyten haben. Auch sind diese Zellen etwas größer. Daher spricht man von einer hyperchromen, makrozytären Anämie. Durch die Gabe von Folsäure kann dieser Block umgangen werden, jedoch löst dieser Ansatz nicht den zugrundeliegenden Vitamin-B12-Mangel, so dass die Behandlung der perniziösen (wörtl. „gefährlich“) oder megaloblastären Anämie bei Vitamin-B12-Mangel mit Folsäure einen Kunstfehler darstellt.

Schematische Darstellung des vereinfachten Stoffwechsel der Folsäure und deren Interaktion mit der Vitamin-B12-abhängigen Methionin-Synthasereaktion
Schematische Darstellung der Einschleusung (zumindest eines Teils) der Kohlenstoffskelette einiger Aminosäuren über den Vitamin-B12-abhängigen Schritt der Methylmalonyl-CoA-Mutase

Der Grund hierfür ist die zusätzliche Funktion des Vitamin B12 in der Methylmalonyl-CoA-Mutase. Diese dient der Einschleusung des terminalen Propionyl-CoAs ungeradzahliger Fettsäuren, sowie Teilen des Kohlenstoffgerüstes der Aminosäuren Valin, Isoleucin, Threonin und Methionin in den mitochondrialen Citratzyklus. Das im Rahmen des Abbaus dieser Verbindungen aus Propionyl-CoA (in einem Biotin-abhängigen Schritt) gebildete Methylmalonyl-CoA wird durch die Vitamin-B12-abhängige Methylmalonyl-CoA-Mutase zu Succinyl-CoA, einem Zwischenprodukt des Citratcyclus, umgesetzt.

Ist dieser Schritt gehemmt, kommt es zu einem Anstieg von Methylmalonsäure im Plasma und vor allem im Urin. Dieser Stoffwechselweg spielt offenbar eine besondere Rolle im ZNS, da sich ein Vitamin-B12-Mangel bisweilen sogar vor der typischen Anämie mit Symptomen wie z. B. der funikulären Myelose, einer Störung der Pyramidenbahn und der Hinterstränge, aber auch scheinbaren „Altersdemenzen“ und anderem bemerkbar macht. Daher sollte insbesondere bei älteren Patienten mit neurologischer Symptomatik ein Vitamin-B12-Mangel als mögliche (Mit-)Ursache ausgeschlossen und ggf. behandelt werden. Erste neurologische Symptome äußern sich als so genannte Polyneuropathie in Form von Kribbelparästhesien oder anderen Missempfindungen (z. B. leichtes Brennen) in verschiedenen Körperregionen, die anfangs nur vorübergehend sind.

Vorkommen

Vitamin B12 wird ausschließlich von Mikroorganismen hergestellt,[15] die entweder im Verdauungstrakt oder auf der Oberfläche von (ungewaschener) Nahrung vorkommen. Menschen, Tiere und Pflanzen sind nicht in der Lage Vitamin B12 herzustellen. Herbivoren, die Vitamin B12 benötigen, decken ihren Bedarf durch Fressen verunreinigter Nahrung, auf der solche Mikroorganismen vorkommen, oder durch Pflanzen, die durch Düngung mit tierischen Exkrementen das Vitamin aufgenommen haben. Omnivoren und Carnivoren decken ihren B12-Bedarf durch Fleisch und Innereien.

Man nimmt an, dass Herbivoren den Hauptteil ihres Bedarfes über eine Symbiose mit Mikroorganismen in ihrem Darm decken. Auch beim Menschen kommen Mikroorganismen im Darm vor, die Vitamin B12 produzieren, allerdings kann der Mensch damit seinen Vitamin-B12-Bedarf nur unzureichend decken. Dies liegt daran, dass beim Menschen Vitamin B12 vor allem im Dickdarm produziert wird, die Absorption jedoch nur im terminalen Ileum (kurz vor dem Dickdarm) erfolgen kann. Dadurch wird das im Dickdarm gebildete Vitamin B12 ausgeschieden.[16]

Cobalamingehalt einiger Lebensmittel

Durch Milchsäuregärung haltbar gemachte Gemüse, manche Algensorten sowie Leguminosen – wie etwa Erbsen, Bohnen und Lupinen – und Zingiberales wie Ingwer besitzen einen – wenn auch geringen – Gehalt an B12-Coenzymen.[17] Auch einige Speisepilze, insbesondere der Champignon, sollen geringe Vitamin-B12-Gehalte aufweisen.[18]

Keine pflanzliche Nahrung enthält für den menschlichen Bedarf ausreichende Mengen des verwertbaren Form des Vitamins, dies gilt insbesondere auch für fermentierte Sojaprodukte und Algen (z. B. Spirulina, Chlorella und AFA).[19]

Vitamin B12 ist hingegen in fast allen Nahrungsmitteln tierischer Herkunft (auch Eiern und Milchprodukten) enthalten.

Cobalamingehalt einiger Lebensmittel[17][20][21][22]
Lebensmittel Gehalt in µg/100 g
Kalbsleber 60
Spirulina maxima 57
Blutwurst 1
Schweineleber 40
Schweineniere 20
Hühnerleber 20
Nori (Porphyra tenera) 15
Hering 8,5
Sauerkraut 0
Rindfleisch (Muskel) 5,0
Käse 3,0
Hühnereigelb 2,0
Aal 1
Schweinefleisch (Muskel) 0,8
Kuhmilch 0,4
Sojasauce 0,3
Tempeh 0,3
Ingwer 0,16
Hühnereiweiß 0,1
Gemüse 0,01
Kabeljau 0,5–0,8
Makrele 9
Thunfisch 4,3

Die Angaben in der Tabelle entsprechen nicht dem Gehalt des vom menschlichen Organismus verwendbarem Vitamins der Lebensmittel. Vor allem der Bestandteil in unvergorenen pflanzlichen Lebensmitteln wie Spirulina ist eher auf „Pseudovitamin B12“ zurückzuführen, das bei Säugetieren nahezu keine biologische Wirksamkeit besitzt.[23]

Bedarf

Der tägliche Mindestbedarf ist im Vergleich zu den meisten anderen Vitaminen sehr viel geringer, er beträgt nur ca. 3 Mikrogramm für einen Erwachsenen. Bei Säuglingen ist von einem Vitamin-B12-Bedarf von 0,4–0,8 Mikrogramm pro Tag auszugehen, der bei Kindern mit dem Alter von 1,0 µg (1 Jahr) bis auf 3,0 µg (13 bis unter 15 Jahre) ansteigt. Bei Schwangeren und Stillenden wird ein erhöhter Bedarf von 3,5–4 µg angenommen.[1] Beim erwachsenen Menschen reicht ein gefülltes Depot der Leber aus, um eine Mangelversorgung über mehrere Jahre hinweg auszugleichen. Eine anhaltende Unterversorgung kann schwerwiegende Folgen haben, die insbesondere bei Veganern durch den hohen Folsäuregehalt pflanzlicher Ernährung zeitweise kaschiert werden können.[19] Ein Mangel an Vitamin B12 entwickelt sich sehr langsam, bei völligem Stopp der Zufuhr in der Regel erst nach zwei bis drei Jahren, da die biologische Halbwertszeit des Vitamins B12 450–750 Tage beträgt.

Das Vitamin wird ständig mit Gallensäuren in den Dünndarm abgegeben und an dessen Ende – dem Ileum – mithilfe des intrinsischen Faktors wieder aufgenommen. Der Bedarf ergibt sich also aus den Mengen, die im Ileum nicht wieder rückresorbiert werden konnten, abzüglich der Mengen, die möglicherweise schon dort durch Mikroorganismen produziert werden.

Falls es zur Störung bei der Bildung des intrinsischen Faktors kommt, kann das Vitamin gar nicht mehr aufgenommen oder rückresorbiert werden, wodurch sich die Speicher im Organismus sehr schnell leeren. Die meisten Fälle von Mangel an Vitamin B12 werden durch Störungen bei der Bildung des intrinsischen Faktors verursacht.

Mangelerscheinungen

Bei einem Mangel an Vitamin B12 kann es zur perniziösen Anämie (Perniziosa), einer Erkrankung des Blutbildes, und zur funikulären Myelose kommen. In den letzten Jahren mehrten sich zudem die Hinweise auf einen möglichen Zusammenhang zwischen einem Vitamin B12-Mangel und anderen Krankheitsbildern wie z. B. Demenz und Neuropathien. Grundsätzlich sind niedrige Vitamin-B12-Konzentrationen im Blutserum bei älteren Menschen häufiger zu beobachten.

Ein Mangel kann durch unzureichende Zufuhr mit der Nahrung oder durch unzureichende Resorption verursacht werden. Bei mangelhafter Aufnahmefähigkeit im Magen-Darm-Trakt fehlt dem Organismus im Magensaft der intrinsische Faktor, ein Glykoprotein, das von den Belegzellen des Magens produziert wird und für die Vitamin-B12-Aufnahme unabdingbar ist. Der intrinsische Faktor bindet Cobalamin in einem vor Verdauungsenzymen geschützten Komplex und ermöglicht so den Transport in die Darmzellen, von wo aus Vitamin B12 über Bindung an weitere Proteine (Transcobalamine) in die äußeren Gewebe gelangt. Auch eine Störung bei der Aufnahme im terminalen Ileum kann zu einem Mangel führen.

Die ersten Anzeichen von Vitamin-B12-Unterversorgung bei erwachsenen Personen können Kribbeln und Kältegefühl in Händen und Füßen, Erschöpfung und Schwächegefühl, Konzentrationsstörungen und sogar Psychosen sein.

Typische Folgen eines Vitamin-B12-Mangels sind:

  • Methylmalonat-Acidurie (fehlende Methylmalonyl-CoA-Mutase-Aktivität)
  • Homocystinurie (fehlende Methionin-Synthase-Aktivität, ggf. sekundär Methionin-Mangel)
  • Megaloblastäre Anämie (Störung des Folsäurestoffwechsels durch Block der N5-Methyl-THF-Spaltung zu THF)
  • Hypersegmentierte Leukozyten (Zeichen der Überalterung aufgrund der Syntheseprobleme)
  • sensorische Neuropathie (wohl Folge der fehlenden Methylmalonyl-CoA-Mutase-Aktivität und der Anämie)

Vitamin B12, gebunden an das aus den Belegzellen des Magens stammende Glykoprotein intrinsischer Faktor, wird physiologisch im terminalen Ileum absorbiert. Nach einer Magenresektion oder bei einer Autoimmungastritis (A-Gastritis), bei der sich die Immunreaktion gegen die den intrinsischen Faktor bildenden Belegzellen (=Parietalzellen) richtet, ist daher die Aufnahme des Vitamin B12 – zumindest bei normalem Angebot – kaum möglich, so dass sich in der Folge ein Vitamin-B12-Mangel ausbilden kann. Auch bei einer schweren Entzündung des Ileums, insbesondere dem Morbus Crohn (= Ileitis terminalis), aber auch anderen intestinalen Erkrankungen mit Malabsorptionssyndrom, oder nach Resektionen des terminalen Ileum bzw. des Magens, kommt es typischerweise zu einem Vitamin-B12-Mangel.

In diesen Fällen ist eine Substitution von Vitamin B12 erforderlich, wobei diese jedoch nicht oral erfolgen darf, sondern durch intramuskuläre Injektion erfolgen sollte, da entweder der fehlende intrinsic factor oder das fehlende bzw. stark gestörte Ileum die Aufnahme des oral zugeführten Vitamin B12 weitgehend verhindern würde. Nur bei Gabe sehr hoher Dosen wird Vitamin B12 auch unspezifisch aufgenommen. Dabei ist jedoch die Resorptionsquote nicht vorhersehbar und daher ist eine orale Vitamin-B12-Substitution in diesen Fällen im Allgemeinen ungenügend.

Das erste wirksame Präparat zur Behandlung der perniziösen Anämie, das in den 1930er Jahren entwickelte Campolon, beruhte auf gereinigten Extrakten aus Lebern von Schlachttieren und enthielt Vitamin B12 als Hauptbestandteil. Es löste die zuvor praktizierte Leberdiät ab, bei der die Patienten täglich rohe Leber oder daraus hergestellte Speisen zu sich nehmen mussten.

Seit der Jahrtausendwende wird zur Bestimmung des Cobalamin-Spiegels im Blut normalerweise ein CBLA-Assay durchgeführt (competitive-binding luminescence assay), der frühere mikrobiologische und Radioisotopen-Dilutions-Assays abgelöst hat. Dieser wird von drei Herstellern angeboten. Klinische Serien zeigen, dass alle drei Assays eine hohe Rate falsch-negativer Ergebnisse (zwischen 22 und 35 %) produzieren, d.h. in einem von drei bis vier Fällen wird statt eines Cobalamin-Mangels fälschlicherweise ein Normalspiegel ermittelt. Allerdings liegen bisher nur kleine Serien vor.[24]

Überdosierung

Therapeutische – meist intravenöse – Überdosen werden mit lokalen allergischen Beschwerden[25] sowie einer Form der Akne (Acne medicamentosa) in Verbindung gebracht.[26]

Weitere Verwendung

Gegengift

Hydroxycobalamin ist ein Antidot bei Vergiftungen durch Cyanide bzw. Blausäure. Cyanidvergiftungen kommen hauptsächlich im Rahmen von Kunststoffbränden vor. Weitere Ursachen können die versehentliche oder absichtliche Einnahme, das Einatmen oder ein Hautkontakt bei Industrieunfällen sein.

Die klinische Symptomatik Koma, Bradykardie und Hypotonie von Rauchgasexponierten im Rahmen eines Brandes sollte an ein Cyanidintoxikation denken lassen. Wie Kohlenmonoxid und Nitrosegase ist auch Blausäure im Rahmen der Brandbekämpfung messbar und erhärtet den Verdacht auf eine Intoxikation. Die Therapie mit 4-DMAP ist bei Rauchgasexponierten zu meiden da dies als Met-Hämoglobinbildner die Oxigenierung negativ beeinflusst.

Unter dem Handelsnamen Cyanokit erhielt die Firma Merck KGaA am 29. November 2007 für Hydroxocobalamin über das zentralisierte Verfahren von der Europäischen Kommission die Marktzulassung zur Behandlung erwiesener oder vermuteter Cyanidvergiftung bei Erwachsenen und Kindern.[27] Der Wirkstoff Hydroxocobalamin ist eine Vorstufe von Vitamin B12, das Cyanid-Ionen bindet. Dabei entsteht Cyanocobalamin, eine natürliche Form von Vitamin B12, das über die Nieren ausgeschieden wird. Dadurch wird die Bindung des Cyanids an die Cytochrom-c-Oxidase verhindert. Die Anfangsdosis für Cyanokit bei Erwachsenen liegt bei 5 g des Wirkstoffes, die als intravenöse Infusion zu verabreichen ist. In Abhängigkeit von der Schwere der Vergiftung und der klinischen Reaktion kann eine zweite Dosis von 5 g bis zu einer Gesamtdosis von 10 g verabreicht werden.

Topische Anwendung auf der Haut

Cyanocobalamin wird alternativmedizinisch zur Behandlung des Atopischen Ekzems (Neurodermitis) und der Schuppenflechte (Psoriasis) eingesetzt. Die Wirkung wird mit den Ergebnissen kleinerer klinischer Studien begründet, in denen eine Salbe mit 0,07 % Vitamin-B12 (Cyanocobalamin) in einer Avocadoöl-Salbengrundlage untersucht wurde.[28][29][30]

Es wird vermutet, dass die in den Studien beobachtete Wirkung darauf zurückzuführen ist, dass Cyanocobalamin die Fähigkeit besitzt, Stickstoffmonoxid zu binden, welches bei den symptomatischen Hautveränderungen in erhöhter Konzentration auftrete und zellschädigend wirke.

Bevor die Salbe im November 2009 unter dem Markennamen Regividerm als Medizinprodukt auf den Markt gebracht wurde, fand sie durch die Fernsehdokumentation „Heilung unerwünscht – Wie Pharmakonzerne ein Medikament verhindern“, die am 19. Oktober 2009 von der ARD gesendet wurde, ein großes und im Verlauf auch kritisches Medieninteresse.[31][32][33][34] Peter Schönhöfer, ein klinischer Pharmakologe, der vom WDR im Rahmen der Produktion dieser Dokumentation mit der Begutachtung der Studien beauftragt worden war, zog ihre Aussagekraft kurz nach der Sendung in Zweifel, da aufgrund der niedrigen Patientenzahlen überhaupt keine belastbare Aussage darstellbar sei. Seine schon während der Produktion dem WDR gegenüber ausgesprochenen Warnungen seien ignoriert worden.[35] Der Dermatologe und Studien-Koautor Peter Altmeyer äußerte gegenüber FOCUS, seine kleine Seitenvergleichsstudie ohne Kontrollgruppe mit 13 Psoriasis- und 49 Neurodermitispatienten sei „von der ARD hochgejubelt und falsch interpretiert“ worden. Für einen Beweis der Wirksamkeit wäre ein Feldversuch mit einigen tausend Patienten notwendig.[32]

Seit März 2010 darf das Produkt nicht mehr unter dem Namen Regividerm vertrieben werden, es heißt nun Mavena B12 Salbe.[36]

Siehe auch

Literatur

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 DGE Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr (D-A-CH Referenzwerte der DGE, ÖGE, SGE/SVE) Vitamin B12 (Cobalamine)
  2. 2,0 2,1 Datenblatt Coenzyme B12, ≥97.0% bei Sigma-Aldrich, abgerufen am 27. Dezember 2012.
  3. Cobalamine bei ChemIDplus.
  4. Hans Beyer: Lehrbuch der organischen Chemie. Leipzig 1968, S. 617–618
  5. UniProt-Suchergebnis
  6. W. Kaim, B. Schwederski: Bioanorganische Chemie – Zur Funktion chemischer Elenemte in Lebensprozessen. 4. Auflage. Teubner, 2005.
  7. G. Langley: Vegane Ernährung. Echo, 2005.
  8. K. Folkers: Perspectives from research on vitamins and hormones. In: J. Chem. Educ. 61, 1984, S. 747.
  9. Minot GR, Murphy WP (1926). Treatment of pernicious anaemia by a special diet. JAMA 87:470-476. nach: http://www.jameslindlibrary.org/trial_records/20th_Century/1920s/minot_&_murphy/minot_kp.html
  10. Manuskript ihres Festvortrages anlässlich der Verleihung des Nobelpreises
  11. http://www.buetzer.info/fileadmin/pb/pdf-Dateien/Vitamin%20B12.pdf
  12. EC 2.1.1.13
  13. EC 5.4.99.2 EC 5.4.99.2
  14. Methionine Synthase (Schaubild).
  15. Habermehl, Hammann, Krebs: Naturstoffchemie. Eine Einführung. 2. Auflage, Springer, Berlin 2002, ISBN 978-3-540-43952-3.
  16. BfR: Verwendung von Vitaminen in Lebensmitteln, S. 212.
  17. 17,0 17,1 Mechthild Busch-Stockfisch: Lebensmittel-Lexikon. 4. Auflage, Behr’s Verlag DE, 2005, ISBN 978-3-89947165-6.
  18. Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit: „Austernseitling und Zuchtchampignon“, bvl.bund.de
  19. 19,0 19,1 American Dietetic Association, Dietitians of Canada: Position of the American Dietetic Association and Dietitians of Canada: Vegetarian diets. In: Journal of the American Dietetic Association (2003); Volume 103, Nummer 6, S. 748–765. PMID 12778049, Zitat: Unless fortified, no plant food contains significant amounts of active vitamin B-12. Foods such as sea vegetables and spirulina may contain vitamin B-12 analogs; neither these nor fermented soy products can be counted on as reliable sources of active vitamin B-12 (29,88).
  20. H.-D. Belitz, W. Grosch, P. Schieberle: Lehrbuch der Lebensmittelchemie. 6. Auflage, Springer, 2007, ISBN 978-3-540-73201-3, S. 418.
  21. Thieme Chemistry (Hrsg.): Eintrag zu Vitamin B12 im Römpp Online. Version 3.25. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2012, abgerufen am 11. Februar 2013.
  22. B12 in Lebensmitteln: In welchen Lebensmitteln kommt Vitamin B12 vor? vitamin-b12-mangel.org, abgerufen am 11. Februar 2013.
  23. Geoffrey P. Webb: Dietary supplements and functional foods.Wiley-Blackwell, 2006, ISBN 978-1-40511909-2, S. 196.
  24. Ralph Carmel, Yash Pal Agrawal: Failures of Cobalamin Assays in Pernicious Anemia. New England Journal of Medicine 2012; 367: 385-386
  25. F. v. d. Berg, L. Gifford, J. Cabri, L. Arendt-Nielsen, E. Bader: Angewandte Physiologie: Organsysteme verstehen und beeinflussen. 2. Auflage. Thieme, 2005, ISBN 978-3-13-117082-8, S. 236.
  26. O. Braun-Falco, H. Lincke: The problem of vitamin B6/B12 acne. A contribution on acne medicamentosa In: Münchener medizinische Wochenschrift, 1976, Bd 118, S. 155–160. PMID 130553.
  27. http://www.prnewswire.co.uk/cgi/news/release?id=213947
  28. Stücker, M. et al. (2001): Vitamin B12 Cream Containing Avocado Oil in the Therapy of Plaque Psoriasis. In: Dermatology. Bd. 203, S. 141–147; PMID 11586013; doi:10.1159/000051729; Volltext, PDF-Datei, 2,7 MB.
  29. Stücker, M. et al. (2004): Topical vitamin B12 - a new therapeutic approach in atopic dermatitis-evaluation of efficacy and tolerability in a randomized placebo-controlled multicentre clinical trial. In: The British Journal of Dermatology. Bd. 150, Nr. 5, S. 977–983; PMID 15149512; doi:10.1111/j.1365-2133.2004.05866.x; Volltext, PDF-Datei, 3,3 MB.
  30. Ronald Januchowski: Evaluation of Topical Vitamin B12 for the Treatment of Childhood Eczema. In: The Journal of Alternative and Complementary Medicine. 15, Nr. 4, 23. April 2009, S. 387-389. doi:10.1089/acm.2008.0497. PMID 19368512. Abgerufen am 22. Oktober 2009.
  31. Köppelle, Winfried (2009): Schleichwerbung für Quacksalbe und Wunderbuch. Laborjournal, November 2009, 68-70. Volltext-Version
  32. 32,0 32,1 Jochen Niehaus: Zu dick aufgetragen In: Focus Online vom 26. Oktober 2009 (zuletzt abgerufen am 16. November 2009)
  33. Frankfurter Allgemeine: Schuppenflechte-Therapie - Rosarot ist die Hoffnung
  34. Öko-Test: Neurodermitis-Creme - Falsche Heilsversprechen
  35. NDR, Magazin ZAPP vom 28. Oktober 2009
  36. Internetseite der Regeneration Pharma GmbH, Namensänderung unserer Vitamin B12 Salbe, abgerufen am 13. August 2010

Weblinks

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