Biogeographie

Zoogeographische Regionen (CMEC 2012) - Quelle: Journal Science / AAAS
Die biogeografischen Regionen Europas

Die Biogeographie (Biogeografie) ist je nach Methodik und Fragestellung entweder eine mehr geographische oder eine mehr biologische Forschungsrichtung, sie kombiniert in jedem Fall Aspekte biologischer und geowissenschaftlicher Analysen. Als Wissenschaftsdisziplin nimmt sie eine Mittlerstellung zwischen Bioökologie und Geoökologie ein. Sie befasst sich mit der heutigen Verbreitung, erdgeschichtlichen Entwicklung und den Umweltbeziehungen der Tier- und Pflanzentaxa sowie mit der Verbreitung und den räumlichen Mustern und Prozessen von Populationen, Lebensgemeinschaften und Biomen. Eine moderne Ausrichtung, die Befunde der Molekularbiologie, Phylogenetik und Paläontologie mit Ausbreitungsszenarien genetischer Linien oder höherer Taxa integriert, ist die Phylogeographie.

Biogeographie als geographische Wissenschaft

Biogeographie als geographische Wissenschaft sieht die Lebewesen als Geofaktoren (Flora und Fauna), Elemente der Landschaften und Bioindikatoren zur Kennzeichnung der Erdräume und der dort existierenden Wirkungsgefüge.

Die Biogeografie kann in zwei Teildisziplinen eingeteilt werden:

Außerdem steht die Biogeographie in enger Verbindung zur Geobiologie (siehe Geobotanik, Geozoologie), einer Teildisziplin der Biologie. Die Kompetenzgebiete beider Wissenschaften weisen eine große Ähnlichkeit auf. Sie unterscheiden sich durch ein anderes Erkenntnisobjekt.

Die großen Zoogeographischen Regionen

Zoogeographische Regionen nach Wallace, 1876

Man unterscheidet folgende Zoogeographischen Regionen oder Faunenprovinzen:

Die Florenreiche

Die Florenreiche

Hauptartikel: Florenreich

Die Aufteilung in Florenreiche entspricht vielfach der Einteilung in Zoogeographische Regionen. Gebietsweise gibt es jedoch auch deutliche Abweichungen. So wird im Süden Afrikas eine besondere Kapregion unterschieden und Afrika südlich der Sahara mit Südasien zur Paläotropis zusammengefasst. Es gibt sechs kontinentale und ein ozeanisches Florenreich:

Die zonalen Modelle der Biogeographie

Die Vielfalt geozonaler Modelle

Hauptartikel: Zonale Modelle der Biogeographie

Bei globaler Betrachtung lassen sich aus den Ergebnissen der Biogeographie zahlreiche zonale Modelle ableiten. Je nach Ausrichtung und Autor stehen sie unter Bezeichnungen wie „Vegetationszonen“, „Zonobiome“, „Ökozonen“, „Naturlandschaftszonen“, „Landschaftsgürtel“, „geoökologische Zonen“, „Biozonen“ und noch einige mehr. Ihr mehr oder weniger großer Bezug zu den Klimazonen-Modellen ist dabei offensichtlich.

Zur Geschichte

Erste Gedanken mit biogeographischen Zügen existierten im 17. Jahrhundert, als Bibelgelehrte und Naturalisten die Wiederbesiedlung der Erde nach der Sintflut diskutierten. Dass Tiere, die unterschiedlichste klimatische Bedingungen benötigen, von einem Punkt – dem Berg Ararat – ausgehend ihre heutigen Lebensräume gefunden hätten, konnte erstmals erklärt werden. Siehe Arche Noah und der Naturalismus.

Als Begründer der Vegetationsgeographie gilt Alexander von Humboldt mit seinem Werk Ideen zu einer Geographie der Pflanzen (Tübingen, 1807). Er beschrieb die Vegetation als bestimmendes Merkmal des „Gestaltcharakters“ der verschiedenen Erdregionen und begann mit einer physiognomischen Betrachtungsweise der Pflanzen.

August Grisebach prägte dann den Begriff der „Pflanzengeographischen Formation“ als „eine Gruppe von Pflanzen, die einen abgeschlossenen physiognomischen Charakter trägt, wie eine Wiese, ein Wald usw.“.

Durch die Pionierleistung von Humboldt entwickelte sich ab ca. 1830 die vegetationskundliche Arbeitsrichtung, vertreten durch Oswald Heer, Franz Unger, Otto Sendtner und andere.

In den 1890er Jahren betrieb Johannes Eugenius Bülow Warming ökologisch ausgerichtete Vegetationsgeographie und veröffentlichte sein Werk Ökologische Pflanzengeographie (Berlin, 1896). Alfred Hettner wandte sich 1935 mit seiner Veröffentlichung Die Pflanzenwelt (Vergl. Länderkunde IV.; Leipzig, 1935) dann jedoch wieder dem vegetationsgeographischen Aspekt zu. Der Geograph Carl Troll definierte dann den Begriff „Landschaftsökologie“ und führte weltweit Hochgebirgsstudien durch.

Das lange Zeit bedeutsamste Werk zur Fauna stammt von Alfred Russel Wallace, der es 1876 unter dem Titel The Geographical Distribution of Animals verlegen ließ. Darin wird die bis ins 21. Jahrhundert gültige Aufteilung der Welt in Faunenregionen dargestellt, die auch auf den Ergebnissen von Philip Lutley Sclater beruhen. Erst Ende 2012 veröffentlichte ein Team des Center for Macroecology, Evolution and Climate (CMEC) der Universität Kopenhagen um Ben Holt und Jean-Philippe Lessard eine moderne Studie,[1][2][3] die das Werk von Wallace um wesentliche Aspekte erweitert.

Arbeitsrichtungen der Biogeographie

Die Biogeographie gliedert sich in Allgemeine Biogeographie, Spezielle Biogeographie und Angewandte Biogeographie.

Allgemeine Biogeographie

Die Allgemeine Biogeographie befasst sich mit theoretischen Grundlagen sowie mit Methodenentwicklung. Sie gliedert sich in folgende Vertiefungen:

Arealkunde oder Chorologie

Das Areal ist das Verbreitungsgebiet einer Art. Die Arealkunde (Chorologie) die Lehre von der geografischen Verbreitung der Organismen bzw. einzelner Arten und systematischer Sippen. Sie konzentriert sich auf die Darstellung, komparative und ökologische Analyse der Verbreitung von Tier- und Pflanzenarten. Als Arbeitsmethoden steht die Arealdiagnose zur Verfügung. Da Pflanzen aufgrund ihrer eingeschränkten Mobilität besonders klare Raumzuordnungen ermöglichen ist vor allem die Florenanalyse entwickelt.

Paläobiogeographie oder Historische Biogeographie

Die Paläobiogeographie beschäftigt sich mit den erdgeschichtlichen Ursachen für die Entstehung und Verbreitung der Tiere und Pflanzen. Als Arbeitsmethoden stehen die Radiokohlenstoffdatierung (auch C14-Methode genannt), die Pollenanalyse sowie die Dendrochronologie zur Verfügung.

Inselbiogeographie

In der Inselbiogeographie spielen sowohl theoretische Aspekte (Gleichgewichtstheorie der Artenvielfalt) als auch evolutionsbiologische Aspekte eine Rolle. Bezüge bestehen über das Konzept des Biotopverbundes und die Schutzgebietsplanung zum Naturschutz.

Spezielle Biogeographie

Die Spezielle Biogeographie adressiert einerseits bestimmte Regionen der Erde und andererseits die Verbreitungsmuster spezifischer Artengruppen (Pflanzengeographie, Tiergeographie), Lebensgemeinschaften (Vegetationsgeographie) oder Ökosysteme. Das Ziel ist es, die Bedeckung bzw. Verbreitung dieser Einheiten möglichst umfassend zu charakterisieren.

Angewandte Biogeographie

In der Angewandten Biogeographie werden die Kenntnisse der Allgemeinen und Speziellen Biogeographie in die Praxis umgesetzt. Beispiele sind Gewässerzonierung, Bioindikation, Forstliche Planung oder Schutzgebietsausweisung.

Enge Beziehungen der Biogeographie bestehen zur

Tier- und Pflanzenökologie

Die Tier- und Pflanzenökologie beschäftigt sich mit der Beziehung der Tiere und Pflanzen untereinander und den Wechselwirkungen der Lebewesen mit ihrem Lebensraum. Als Arbeitsmethoden stehen die Standortanalyse, die Ökosystemmodellierung, die Stoffbilanzierung sowie das Biomonitoring zur Verfügung.

Wissenschaftliche Einrichtungen

In Deutschland gibt es an der Universität Trier und an der Universität Bayreuth einen Fachbereich Biogeographie mit entsprechenden Studiengängen. An anderen Universitäten ist Biogeographische Forschung teilweise Bestandteil der Studiengänge Landschaftsökologie, Biologie und Geographie.

Bundesweit vernetzt der Arbeitskreis Biogeographie Wissenschaftler, die zu unterschiedlichen Themen biogeographisch arbeiten.

Siehe auch

Einzelnachweise

Weblinks

Literatur

Biogeographie

  • Christopher Barry Cox & Peter D. Moore: Einführung in die Biogeographie. UTB 1408. Fischer, Stuttgart 1987, ISBN 3-437-20366-5.
  • Carl Beierkuhnlein: Biogeographie. UTB L 8341. Ulmer-Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 3-8252-8341-0.
  • James H. Brown & Mark V. Lomolino: Biogeography. 2. Aufl., Sinauer Associates, Sunderland, Massachusetts, 1998, ISBN 0-87893-073-6.
  • H. Freitag: Einführung in die Biogeographie von Mitteleuropa unter besonderer Berücksichtigung von Deutschland. G. Fischer, Stuttgart, 1962.
  • Manfred Hofmann: Biogeographie und Landschaftsökologie (=Grundriss Allgemeine Geographie, Teil 4). Schöningh-Verlag, Paderborn 1985, ISBN 3-506-21144-7.
  • Paul Müller: Arealsysteme und Biogeographie. Ulmer-Verlag, Stuttgart 1981, ISBN 3-8001-3422-5.
  • Ulrich Sedlag & Erich Weinert: Biogeographie, Artbildung, Evolution. Fischer-Verlag, Jena 1987, ISBN 3-334-00030-3.

Vegetationsgeographie und Geobotanik

  • Richard Pott: Allgemeine Geobotanik: Biogeosysteme und Biodiversität. Springer-Verlag, Berlin 2005, ISBN 3-540-23058-0.
  • Hans-Jürgen Klink: Vegetationsgeographie (=Das Geographische Seminar). 3.Auflage. Westermann, Braunschweig 1998, ISBN 3-14-160282-4.
  • Fred-Günter Schroeder: Lehrbuch der Pflanzengeographie. UTB 8143. Quelle und Meyer, Wiesbaden 1998, ISBN 3-8252-8143-4.
  • Heinrich Walter: Allgemeine Geobotanik als Grundlage einer ganzheitlichen Ökologie. UTB 284, 3. Auflage. Ulmer-Verlag, Stuttgart 1986, ISBN 3-8001-2549-8.
  • Heinz Ellenberg: Vegetation Mitteleuropas mit den Alpen in ökologischer, dynamischer und historischer Sicht. - Stuttgart: Ulmer 1996 (5. Auflage; 1. Auflage: 1963), ISBN 3-8252-8104-3.

Tiergeographie / Tierökologie / Zoologie

  • Werner J. Kloft & Michael Gruschwitz: Ökologie der Tiere. UTB 729, 2. Auflage. Ulmer-Verlag, Stuttgart 1988, ISBN 3-8001-2576-5.
  • Gustaf de Lattin: Grundriss der Zoogeographie. G. Fischer, Stuttgart, 1967.
  • Paul Müller: Tiergeographie: Struktur, Funktion, Geschichte und Indikatorbedeutung von Arealen. Teubner-Verlag, Stuttgart 1977, ISBN 3-519-03406-9.
  • Fritz Schwerdtfeger: Lehrbuch der Tierökologie. Parey, Hamburg und Berlin 1978, ISBN 3-490-07718-0.
  • Ulrich Sedlag: Tiergeographie (aus der Reihe „Urania-Tierreich“). Urania, Berlin 1995, ISBN 3-332-00387-9.
  • Alfred Russel Wallace: Der Malayische Archipel. Braunschweig, 1869.
  • Alfred Russel Wallace: Die geographische Verbreitung der Thiere. Dresden, 1876.

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