Die Domestizierung der Katze - Die Vorfahren der Hauskatzen

Einige Mitglieder der Gattung Felis sind heute geschätzte und geliebte Hauskatzen in unseren Wohnungen oder sie leben als wilde oder halbwilde Katzen in der Nähe von Ansiedlungen, Dörfern oder Städten. Während die wilden oder halbwilden Katzen als autharke Jäger oder Aasfresser in der Nähe des Menschen meist selbst für sich sorgen, vertrauen Wohnungskatzen im Allgemeinen auf ihre »menschlichen Wohltäter« als Nahrungsbeschaffer.

Hauskatzen werden von Biologen oft als „gefangene Ausbeuter“ bezeichnet, die es hervorragend verstehen, die Unfreiheit zu ihren Gunsten zu nutzen, anstatt darunter zu leiden. Von den Anfängen der Domestizierung bis heute gingen Katzen eine Art Symbiose mit dem Menschen ein - wobei der Vorteil für den Menschen darin lag, dass die kleinen Raubtiere das Anwesen frei von allerlei schädlichen Nagetieren hielten. Die Katzen selbst konnten auf Schutz, Wärme und leichte Beute vertrauen. Wenn auch andernorts die Vertilgung von Mäusen und Ratten nur eine untergeordnete Rolle gespielt haben mag, so waren Katzen doch willkommene Resteverwerter von Abfällen, die andernfalls Schädlinge oder Krankheitserreger angezogen hätten. Mit solchen oder ähnlichen Rollenverteilungen haben Hauskatzen und Menschen eine lange gemeinsame Geschichte hinter sich gebracht. Die ältesten archäologischen Belege für dieses ausgezeichnete Verhältnis sind rund 8.000 Jahre alt.

In einem Gastbeitrag in Frances Simpsons Werk „The Book of the Cat“ (1903), beschrieb H. C. Brooke die Wildkatze zwar nicht im Detail, aber er erwähnte kurz die ägyptische Katze, Felis maniculata und die europäische Wildkatze, Felis catus (Anmerkung: dies sind nicht die lateinischen Namen, mit denen diese Katzen heute klassifiziert werden).

Brooke schrieb:

„Man könnte sich grundsätzlich vorstellen, dass unsere gemeine Katze vom Letztgenannten abstammt, wenn man bedenkt, dass es eine früher über ganz England verbreitete Katze war, ganz so wie auf dem Kontinent.
Die unzähmbare Wildheit dieser Katze - welche vermutlich unter allen lebenden Geschöpfen das am Wenigsten zugängliche ist - und der hohe Stellenwert, den sie, wie wir aus alten Schriften wissen, genoss, hat zweifellos eine Domestizierung verhindert und dies bedeutet, dass Felis catus nicht der Vorfahr von Felis domestica war, obwohl sie sich frei miteinander kreuzen können.
[...] Es wird normalerweise angenommen, dass die über ganz Afrika verbreitete ägyptische- oder Caffrekatze der Vorfahr der meisten der Hauskatzen ist […] und es ist ziemlich einfach zu verstehen, wie sie sich mit ihren hervorragenden Zähmungseigenschaften schrittweise über Europa verbreitete. Unsere sogenannten Abessinier […] haben eine sehr auffällige ähnlichkeit mit dieser Katze ”

1907 beschrieb der Taxonom R.I. Pocock zwei Arten der Hauskatze, nämlich Felis torquata (gestreifter Tabby) und Felis catus (gefleckter Tabby), obwohl Felis catus bereits zur Beschreibung der europäischen Wildkatze verwendet wurde. Carl von Linnè, auch bekannt unter dem Autorenkürzel Linnaeus, wies den Namen Felis catus wiederrum der gefleckten Hauskatze zu. Die Hauskatze war damals auch als Felis domestica bekannt.

Der heute allgemein akzeptierte Vorfahre der Hauskatze ist die arabisch-afrikanische Form der Wildkatze, die unter dem Namen Felis lybica (Pocock 1907) bekannt war. Die europäische Wildkatze (einschl. der schottischen Wildkatze) wurde als Felis silvestris bezeichnet. Diese beiden Wildkatzenarten paaren sich jedoch so uneingeschränkt und ungehemmt miteinander, dass heute beide als sehr nahe verwandte Unterarten von Felis silvestris angesehen werden, wobei Felis silvestris silvestris die robuste europäische Form darstellt (Waldkatze) und Felis silvestris lybica die schlankere, afrikanische Form beschreibt, die landläufig auch als Falbkatze bezeichnet wird.

Die Vorgeschichte der Hauskatzen ist schwer zu rekonstruieren. So ist es vorstellbar, dass noch andere Arten als die Falbkatze (F. s. lybica) bei der Entstehung der Hauskatze mitmischten, so etwa die oben erwähnte europäische Wild- oder Waldkatze oder die asiatische Wildkatze (Felis ornata).

Die Falbkatze (F. s. lybica) hat ein sehr großes geographisches Verbreitungsgebiet mit vielen Unterarten, die sich im Aussehen nur wenig unterscheiden. Sie können sich miteinander kreuzen und produzieren Nachkommen, die Merkmale beider Elternteile besitzen. Im Allgemeinen beobachtet man von Nord nach Süd eine reduzierte Felldicke, eine weniger intensive Grundfarbe und eine Reduzierung der Streifenzeichnungen (Robinson, 1991). Die nördlichen Unterarten sind robuster gebaut und mit dickerem Fell ausgestattet, haben rundere Schwanzspitzen und dunklere, deutlichere Fellstreifen. Die afrikanische Wildkatze ist leichter gebaut, hat weniger eindeutige Streifen und der dünnere Schwanz spitzt sich dem Ende hin zu. Die Fellfarbe reicht von rostigem oder sandigem Gelbbraun bis zu Grau.

Pocock beschrieb nicht weniger als 26 Unterarten der Wildkatze, obwohl darunter vermutlich viele Varianten oder Mischlinge waren, daher werden heute nur noch 4 Gruppen anerkannt. Weigel (1961) und Hemmer (1978) haben diese vier Gruppen beschrieben: die „Wald“ Katzen (silvestris) Europas und des Kaukasus sowie Kleinasiens; die „Steppen“ Katzen (ornata) aus Süd- und Zentralasien; die „Gelbbraunen“ Katzen (lybica) aus Afrika und des Mittleren Ostens und die vertraute Hauskatze (catus).

Im Jahr 1996 schlugen einige Forscher vor, trotz der Hybriden im Londoner Zoo, über die H. C. Brooke bereits 1903 berichtete, dass die gemeine Hauskatze (Felis silvestris catus) nicht nahe genug mit der Wildkatze (Felis silvestris silvestris) in Verbindung stünde, um fruchtbare Nachkommen zu produzieren. Tatsächlich vermischen sich diese aber z.B. in Schottland so häufig, dass eine dort ursprünglich ansässige Unterart der Wildkatze, Felis silvestris grampia (schottische Wildkatze) Gefahr läuft, von den Mischlingen gänzlich verdrängt zu werden. In der Amur-Region Rußlands lebt das Ussuri, eine domestizierte Katzenart, von der man glaubt, dass sie von Mischlingen der Haus- und Wildkatze abstammen. Diese Annahme basiert jedoch nur auf der äußeren Erscheinungsform dieser Tiere.

Eine andere Katze, die teilweise mit der Hauskatze in Verbindung gebracht wird (besonders in Indien) ist Felis chaus, die Dschungel-, Sumpf-, oder Rohrkatze. Sie lebte einst im alten Ägypten auch an den fruchtbaren Ufern des Nils und war möglicherweise in der alt-ägyptischen Kunst das Vorbild zahlreicher Katzendarstellungen. Zusätzlich gibt es Hinweise darauf, dass die Rohrkatze neben der Falbkatze in ägyptischen Tempeln gehalten und domestiziert wurde. Die beiden Arten kreuzten sich möglicherweise sehr erfolgreich, jedoch gibt es bis heute keinen eindeutigen Beweis für eine Vermischung in altägyptischer Zeit.

Rohrkatzen (Felis chaus) und Hauskatzen produzieren zwar fruchtbare Nachkommen, aber ihr Beitrag zum frühen Genpool der Hauskatzen wird als minimal betrachtet. Einige Biologen glauben aber, dass der genetische Input der Rohrkatze grösser sein könnte als bislang angenommen (Tabor, 1991). Tabor gibt an, dass Mischlinge von Hauskatzen und Rohrkatzen (F catus x F chaus) weitaus sanfter und weniger wild (unterwürfiger) sind als Mischlinge von Hauskatzen und Wildkatzen (F catus x F s silvestris). Er vermutet, dass die Rohrkatzen doch einen gewissen Beitrag zum Genpool leisteten, was die frühen Hauskatzen "menschenfreundlicher oder häuslicher" machte. Aber auch Mischlinge von Hauskatzen und Falbkatzen (F catus x F s lybica) sind nicht so wild wie Mischlinge von Hauskatzen und Wildkatzen. So könnten also die Gene, die für ein sanfteres Wesen verantwortlich sind, in gleichen Teilen von der Falbkatze und von der Rohrkatze stammen.

Tabor schlägt noch andere Arten vor, die zum Gen-Mix der Hauskatze beigetragen haben könnten. So wären einige Merkmale erklärbar, die weder Falbkatze noch Wildkatze oder Rohrkatze aufweisen. Zu Tabors Kandidaten gehört unter anderem die asiatische Goldkatze (Catopuma temminckii) , die zwischen Südchina und Sumatra beheimatet ist. Sie könnte, wie Tabor glaubt, zur Entstehung der orientalischen Hauskatzenarten beigetragen haben. In der Vergangenheit gab es manchmal Vermutungen, dass Langhaarkatzen (wie z.B. Perser) teilweise vom Manul (Felis manul) abstammen könnten, einer Art, die vom Iran bis nach Westchina verbreitet ist. Jedoch fehlt es an jeglichen Beweisen für diese Theorie. Andere Vorschläge schließen die von Ostsibirien bis nach Südostasien verbreitete Leopard- oder Bengalkatze (Prionailurus bengalensis) ein, sowie die Sandkatze (Felis margarita) , verbreitet von der Sahara bis nach Baluchistan.

Wegen ihrer allgemeinen Erscheinung könnte man schon zu dem Schluß gelangen, dass die vorgenannten Arten zur Entstehung der Hauskatze beigetragen haben. Genauere Untersuchungen von Schädeln und Skeletten sowie andere anatomischen Eigenschaften stützen diese Annahme jedoch nicht. Anatomisch sind sich Hauskatzen und Falbkatze (F. s. lybica) am ähnlichsten. Vor kurzem erst zeigten Zählungen von Chromosomen aber, dass möglicherweise in der Vergangenheit sowohl der Manul und die Bengalkatze als auch die asiatische Goldkatze bei der Entstehung der Hauskatze mitgemischt haben könnten. Jedoch zeigen diese Studien auch, genauso wie die anatomischen Befunde, dass die gemeine Hauskatze der afrikanischen Wildkatze, also der Falbkatze, am ähnlichsten ist.

Heute gilt es als gesichert, dass die Hauskatze von einer oder mehreren Unterarten der afrikanischen Wildkatze abstammt. Es ist weiterhin möglich, aber nicht bewiesen, dass andere Arten so miteinbezogen worden sind, dass die Hauskatze ein komplexer Mischling mehrerer Katzenarten ist.

Während Brooke die ägyptische Katze (oder Caffre-Katze, heute bekannt als Felis silvestris lybica) ganz richtig als Vorfahr „der Majorität der Hauskatzen“ beschrieb, so irrte er aber mit der Annahme, alle Hauskatzen rund um den Globus würden von den kleinen, wildlebenden Katzen der jeweiligen Heimatländer abstammen. Nach Ansicht des Naturwissenschaftlers Blyth, so schreibt Brooke, resultierten daraus die beiden Formen der indischen Hauskatzen: die bräunliche, getigerte Form stamme demnach von der Rohrkatze (Felis chaus) ab, und die gepunktete Form stamme von der Bengalkatze sowie der Sandkatze und der Rostkatze ab. Um die Annahme unterschiedlicher Rassen von Hauskatzen in Indien zu veranschaulichen, berichtete Brooke von einer indischen Katze, die seine Frau von einem Londoner Schuster erworben hatte, der sie wiederum einem Seemann abgekauft hatte und der hatte die Katze seinerseits aus einem Hotel in Bombay gestohlen.

Er schrieb:

„Sehr neugierig und stattlich ist die indische Katze […] Ihre auffallendsten Eigenheiten sind die Länge und Schlankheit der Glieder, das extrem kurze Fell und ihr dünner, spitzer Schwanz […] Ihre Ohren sind klein, aber für ein kleines Kätzchen von enormer Größe, und ihr langer, spitzer Kopf verleiht ihr ein sonderbares Aussehen. Die Stimme dieser Katze ist sehr variabel, und ähnelt weit mehr dem rauhen Ruf einer siamesischen Katze als jeder anderen europäischen Katze.“

Im Rückblick ist es jedoch wahrscheinlicher, dass die von Brooke beschriebene Katze ein Orientale und nicht eine von eingeborenen, indischen Wildkatzen abstammende Hauskatze war. Zu Brookes Zeiten aber war der einzige anerkannte Orientale die Siamkatze. Brookes Katze hatte Bombay vermutlich von Thailand oder von der malaysischen Halbinsel aus auf die gleiche Weise erreicht wie sie die Stadt wieder verlassen hatte - an Bord eines Schiffes.


J. Clutton Brock, A Natural History of Domesticated Mammals, 106-112, 1987