Ein ganz besonderes Kapitel in der Geschichte der Katzen handelt von einem recht geselligen Vertreter dieser Säugetierfamile, der Hauskatze, unserem "Stubentiger".

Die Hauskatze entstand viel später als andere Arten, doch ist ihr Aufstieg ebenso auf die Verfügbarkeit einer neuen Nahrungsquelle zurückzuführen, wie es bei den Großkatzen am Ende des Miozäns der Fall war, als neue Herden von Grasfressern auf der Bildfläche erschienen. Im Fall der Hauskatze waren es die von Nagetieren heimgesuchten Getreidespeicher von seßhaft gewordenen Menschen, die das Erscheinungsbild dieser Wildkatze formten.

Die ersten Aufzeichnungen über Hauskatzen stammen aus einer alten Arbeitersiedlung namens Deir el-Medina in der Nähe von Luxor in Ägypten. Hier schufen etwa ab 1500 v. Chr. die dort wohnenden Kunsthandwerker die prächtigen königlichen Gräber des antiken Ägypten. In ihren eigenen Gräbstätten malten sie häusliche Szenen, in denen die Hauskatze als Symbol der Freude und der Fruchtbarkeit dargestellt ist.

Die ersten domestizierten Katzen waren afrikanische Wildkatzen (Felis lybica). Diese leichtgebauten Katzen wurden früher als eigenständige Art klassifiziert, getrennt von der stämmigen Europäischen Wildkatze (Felis silvestris) und der Hauskatze (Felis catus). Heute werden alle drei zusammen als Unterarten der Europäischen Wildkatze in einen Topf geworfen, und die, die vor unseren Kaminen schlummert heißt Felis silvestris catus.

Die alten Ägypter mumifizierten auch eine andere Spezies, die Rohrkatze (Felis chaus), die von den Priestern im Tempel der Königin Hatschepsut um 1470 v. Chr. gehalten wurde. In einem Grabmal von Beni Hassan aus dem Jahr 2000 v. Chr. portraitiert ein Gemälde exakt die Rohrkatze. Sie hat angeblich einen umgänglicheren Charakter als die Afrikanische Wildkatze und so spekulierte man, gestützt auf archäologische Zeugnisse, dass sie bei der Entstehung der Hauskatze ebenfalls eine Rolle gespielt haben könnte. In Ägypten wurden Tausende von mumifizierten Katzen gefunden, die der Forschung eigentlich einen exzellenten Anhaltspunkt für den Stammbaum der Hauskatze hätten geben können. Leider wurden am Ende des neunzehnten Jahrhunderts Katzenmumien weitgehend als uninteressant abgetan. Im Jahr 1889 wurden beispielsweise 19 Tonnen davon nach Liverpool verschifft und als Dünger verkauft. Vielleicht können moderne molekularen Techniken Klarheit schaffen, ob der Rohrkatze ein Platz auf dem Stammbaum der Hauskatze gebührt.

Hauskatzen werden oft als Einzelgänger dargestellt, in der Tat sind aber viele Rassen sehr gesellig - ganz im Gegensatz zu ihren wilden Vorfahren. Radiotelemetrische Studien von Afrikanischen Wildkatzen in Saudi-Arabien haben ergeben, dass sie in der Regel wie europäische Wildkatzen alleine umherstreifen. Auch wenn sie Zugang zu toten Kamelen oder anderem Aas hatten, blieben die Wildkatzen Saudi Arabiens Einzelgänger, während die lokalen (aber ebenfalls wildlebenden) Hauskatzen in der Nähe solcher Nahrungsquellen soziale Gruppen bildeten. Wahrscheinlich wurde die Fähigkeit für ein solches Miteinander im Zuge der Domestizierung gefördert, indem Menschen nur gesellige Individuen für die Zucht auswählten, um ihre Getreidespeicher zu schützen.

Wo Nahrung im Überfluss vorhanden ist, führen Hauskatzen ein bemerkenswert geselliges Leben. Die Dutzende von Katzen, die einen Hof bevölkern können, sind nicht bloß eine zufällige Zusammenrottung, angezogen vom reichen Nahrungsangebot, wie Motten vom Licht einer Lampe. Die Weibchen sind in Familienbanden organisiert: Mütter, Töchter, Enkelinnen, Nichten und Tanten leben mehr oder weniger freundschaftlich nebeneinander, allerdings werden konkurrierende Katzen anderer Blutlinien energisch ausgeschlossen. Innerhalb dieser Cliquen ziehen die Weibchen ihre Jungen in einem gemeinschaftlichen Nest auf und jedes Weibchen kann die Pflege von Würfen anderer Mütter übernehmen.

Gruppen von verwandten Weibchen können den Hof unter sich aufteilen, und jene, die den Zugang zu ergiebigen Futterstellen monopolisieren, sind in der Lage viel mehr Junge aufzuziehen als diejenigen, die an die Peripherie verbannt wurden. Genau wie männliche Löwen töten auch Kater die Nachkommen ihrer Rivalen, daher haben die Kinder in gemeinschaftlichen Nestern eine größere Chance zu überleben, denn meistens ist mindestens ein Weibchen anwesend (sozusagen als Wache vom Dienst), wenn sich ein Männchen mit infantizidem Verhalten nähert.

Die Ähnlichkeiten zwischen dem Verhalten weiblicher Hauskatzen und Löwinnen sind verblüffend, aber zwischen Katern und männlichen Löwen gibt es einige deutliche Unterschiede. Kater operieren nie als Koalition, und jeder durchstreift allein die Reviere mehrerer Weibchen. Männliche Löwen schließen sich aber zusammen und haben in der Regel ein Monopol auf ein Rudel von Weibchen. Die Verteilung der Beute ist wahrscheinlich der Grund dafür, dass sich die Rudel der Löwinnen so verteilen, dass die Männchen nicht in der Lage sind, mehrere Rudel gleichzeitig zu verteidigen. Sie müssen allgemein nahe bei den Weibchen bleiben, da sie auf deren Jagdbeute angewiesen sind. Auf der anderen Seite ist die Beute von Hauskatzen recht klein und lokal oft reichlich vorhanden, so dass sie auch von Männchen gejagt werden kann. Bauernhöfe liegen auch oft so nahe beisammen, dass ein Kater in der Lage ist, mehrere Kolonien von Weibchen zu patrouillieren.

Hauskatzen bei der Nachwuchsproduktion
Hauskatzen bei der Nachwuchsproduktion

Bei der Paarung zeigen männliche Löwen und männliche Hauskatzen allerdings eine Toleranz, die in der Welt der Katzen einzigartig ist. Nicht weniger als sechs erwachsene Kater eines Hofs können mit einem Weibchen gleichzeitig verkehren. Während eines einzigen weiblichen Sexualzyklus können sich zehn verschiedene Kater mit einem Weibchen paaren, und das pro Kater bis zu neun Mal in der Stunde. Ein rolliges Weibchen scheint seine Paarungsbereitschaft auch durch Umherstreifen außerhalb ihres normalen Gebiets durch Versprühen von Urin zu signalisieren, was normalerweise ein Vorrecht der Männchen ist. Die Argumente für das Fehlen männlicher Aggression bei Löwen scheinen bei Katern nicht zu greifen. Zumindest gibt es auf einem Bauernhof unter ihnen keine bekannten Koalitionen wie bei Löwen, auch nicht unter Brüdern.

Im Allgemeinen wird bei Säugetieren ein Individuum ein Blutvergießen nur wagen, wenn die Vorteile die Nachteile überwiegen. In einer großen Katzenkolonie mit mehreren erwachsenen Männchen und Weibchen, wie zum Beispiel auf einem Hof, können eine Reihe von Faktoren zusammenkommen, die einen möglichen Vorteil eines Kampfes minimieren. Erstens könnte der Unterschied in der Kampfkraft der männlichen Kontrahenten sehr gering sein, wobei aber sehr schwache Individuen, bevor sie in die Nähe eines rolligen Weibchens gelangen, vertrieben werden können. Um als Gesamtsieger den Platz zu verlassen, würde jedes Männchen mehrere ebenbürtige Rivalen schlagen müssen. Als erster in den Kampf einzutreten könnte aber auch bedeuten, als erster erschöpft zu sein. Zweitens, und um das erste Problem noch zu verschärfen, sind die Krallen von Katzen so furchterregende Waffen, dass es schwer vorstellbar ist, dass auch der Sieger einen Kampf unversehrt übersteht. Drittens ist es wahrscheinlich unpraktikabel, mehrere erwachsene Weibchen zu monopolisieren, die weit auf dem Hof verstreut sind und zur gleichen Zeit rollig werden. Schließlich könnten sich Weibchen dazu entschließen, sich mit mehreren Männchen gleichzeitig zu paaren, um die Vaterschaft zu verschleiern. Infantizide Männchen würden erwartungsgemäß ihren eigenen Nachwuchs verschonen, und so wären Kätzchen mit unsicherer Vaterschaft im Vorteil. All diese Faktoren machen es wahrscheinlich, dass der Gewinn gemessen an überlebenden Nachkommen, die Kosten eines Kampfes überwiegt. Kater können aber auf anderen Wegen konkurrieren. Zum Beispiel kann die Reihenfolge der Paarung von entscheidender Bedeutung sein wer letztendlich den Nachkommen gezeugt hat.

Schottische Wildkatzen Katzen Kopf reibend
Typisches Kopfstoßen, hier zwei schottische Wildkatzen im British Wildlife Centre, Newchapel, Surrey.

Während die Gesellschaften vieler Katzenarten grob als solitär oder gesellig, polygyn oder promiskuitiv kategorisiert wurden, gibt es nur wenige Studien über die Beziehungen zwischen den einzelnen Individuen in diesen Systemen. Soziale Beziehungen innerhalb von Wildkatzengruppen sind tatsächlich nur bei einer Unterart, der Hauskatze, gründlich erforscht worden. Unter den Katzen eines Bauernhofs entsteht ein soziales Gefüge durch die Asymmetrie von Aggression und Gesichts-Reiben. Weibchen sind gegenüber Männchen nur selten Auslöser von Aggression, während Männchen ihnen gegenüber häufiger handgreiflich werden. Trotzdem nähern sich Weibchen oft einem Männchen und reiben ihre Lippen und Wangen an sein Gesicht, während Männchen nur selten in dieser Form auf Weibchen zugehen. Darüber hinaus ist das Verhalten des "Gesichterreibens" auch zwischen einzelnen Weibchen oft sehr einseitig, und ein Junges reibt sein Gesicht unabhängig von Blutsbanden an Weibchen, die ihm die meiste Aufmerksamkeit zukommen lassen. Diese Asymmetrien lassen vermuten, dass das Gesichterreiben ein Indikator für Dominanz ist, wobei jene Katzen, die am meisten dieser Aufmerksamkeiten erhalten, weiter im sozialen Zentrum stehen. So könnte eine Katze, die ihr Gesicht an ihrem Besitzer reibt, mehr als nur bloße Freundlichkeit ausdrücken wollen. Das Rätsel besteht darin, dass es nicht klar ist, welchen zusätzlichen Vorteil Katzen in Bezug auf ihre soziale Stellung haben, wenn sie in den Genuss solcher Aufmerksamkeiten kommen.

So wie ein Kätzchen sich an säugenden Katzen reibt, so leckt ein Hundewelpe die Wangen. Beide infantilen Verhaltensweisen kann man auch im Repertoire von untergeordneten Individuen finden, wobei Düfte zwischen dem Untergeordneten und dem Dominanten ausgetauscht werden können. Die Lippen und Wangen von Katzen sind mit Duftdrüsen versehen, auch ihr Speichel kann soziale Gerüche transportieren. Somit überträgt oder empfängt eine Katze Düfte, wenn sie sich am Körper einer anderen Katze reibt. Beides könnte für die dominante Katze von Vorteil sein, denn zum einen hat sie den Geruch des untergeordneten Tiers in der Nase, sozusagen als Versicherung, dass diese zur Gruppe gehört. Zum anderen behält die untergeordnete Katze den Geruch der dominanten Katze quasi als Quittung für Freundlichkeiten in der Nase, die sie erbracht hat. In der Tat könnte die Mischung aus Düften auf den Wangen einer Katze die Kennzeichen einer Matrilinie darstellen, die dann auf andere Katzen und auf Objekte übertragen werden. Was auch immer die genaue Bedeutung des Kopfreibens ist, Tatsache ist, dass alle Mitglieder der Familie der Katzen dies tun. Vom Luchs bis zum Löwen, sie alle stoßen ihre Köpfe zum Gruß zusammen, was erneut die Ähnlichkeit aller Katzen zeigt, in der Vergangenheit und Gegenwart, ob groß oder klein, über mindestens 12 Millionen Jahre hinweg.