Das Mittelpaläolithikum ist der mittlere Abschnitt des Paläolithikums (Altsteinzeit) in Europa, der vor ca. 300.000–200.000 Jahren mit dem Einsetzen der Levallois-Technik beginnt und vor etwa 40.000 Jahren mit der Einwanderung des Cro-Magnon-Menschen und dem Beginn des Jungpaläolithikums (Aurignacien) endet.[1] In Europa ist das Mittelpaläolithikum mit dem Neandertaler assoziiert (je nach Bearbeiter wird auch der späte Homo heidelbergensis geltend gemacht). In Afrika und im Vorderen Orient entpricht dieser Zeitabschnitt in etwa dem Middle Stone Age. Dort lebten bereits um 150.000 vor heute anatomisch moderne Menschen (siehe Archaischer Homo sapiens sowie Homo sapiens idaltu), im Nahen Osten seit etwa 90.000 vor heute.
Nach einer heute veralteten Terminologie wurde der Beginn des Mittelpaläolithikum mit dem Beginn des Jungpleistozäns gleichgesetzt (ca. 130.000 Jahre vor heute).
Bereits im 19. Jh. wurden Artefakte[2] aus dem Mittelpaläolithikum entdeckt, doch wurden diese lange Zeit nicht als solche erkannt. So waren die gesammelten Steine von J. Boucher de Perthes de Crèvecoeur, die er seit dem Jahre 1839 bei Abbeville entdeckt hatte, lange Zeit ein Streitpunkt in der Forschung. In Deutschland lieferten bereits 1843/44 die Balver Höhle und der Hohlenstein im Lonetal, letzterer von Oscar Fraas ab 1860 ergraben, erste mittelpaläolithische Steinartefakte, doch wurden diese zu dem Zeitpunkt unbeachtet liegen gelassen, da sich das Interesse der Forscher auf paläontologische Funde begrenzte.
Die zeitliche Gliederung des Mittelpaläolithikums für Westeuropa[3] wurde zunächst durch E. Lartet und G. de Mortillet 1869 vorgenommen und 1881 in „Chelléen“ und „Moustérien“ aufgespaltet. 1889 wurde diese Unterteilung durch die Zwischenstufe des „Acheuléen“ von G. d’Adult du Mesnil erweitert. Ein Jahr zuvor ordnete Marcellin Boule den Phasen eine bestimmte Klimaperiode in Abhängigkeit der Faunareste zu, sodass das Chelléene innerhalb einer Warm-, das Acheuléen in einer Übergangs- und das Moustérienne in einer Kaltphase datiert werden konnten.
Die erste Gliederung des Mittelpaläolithikums für Mitteleuropa wurde 1903 von Moriz Hoernes vorgenommen[4], doch ließ er diese bereits 1909 wieder fallen, da Hugo Obermaier ein Jahr zuvor seine entscheidende Arbeit „Die Steingeräte de französischen Altpaläolithikums“ veröffentlichte. Er erkannte[5], dass es einen Unterschied in der „Qualität“ der Acheuléenartefakte gibt und unterteile diese Phase daher in ein Alt- und Jungacheuléen. Letztere Stufe wurde durch eine regionale Untergruppe der „Stufe von La Micoque“ erweitert. In der Folgezeit wurden diesem Zeitmodell verschiedene Untergruppen hinzugefügt, sodass eine unübersichtliche und verwirrende Gliederung mit unterschiedlichen, vom Forscher abhängigen Bezeichnungen entstanden ist. Eine dieser Moustérienunterteilung, die R. R. Schmidt in Abhängigkeit der Horizonte von Sirgenstein vorgenommen hat, ist die in ein Primitives- und in ein La Quina-Moustérien.
Seit den 20er Jahren des 20. Jh.s[6] wurde besonders durch F. Wigers der Versuch unternommen die archäologische „Kulturgliederung“ durch einen Abgleich mit der Geologie zu korrigieren. Von den deutschen Forschungen angeregt, begannen Henri Édouard Breuil und Oswald Menghin in den 30er weitere Nachforschungen, die eine weitere Fülle an neuen Gruppenbezeichnungen und Unterteilungen anhand von neu entdeckten Fundplätzen lieferten.
Nach dem 2. Weltkrieg waren dann vor allem die Arbeiten von François Bordes[7] und Gerhard Bosinski von herausragender Bedeutung. Viele Gruppenbezeichnungen wie „Levalloisien“ wurden fallengelassen und das Moustérien wurde nach Untersuchungen des gesamten Fundmaterials endgültig in mehrere Untergruppen aufgeteilt.
Bezüglich der Steinwerkzeuge ist das Mittelpaläolithikum durch mit der Levalloistechnik hergestellte Abschläge und Spitzen sowie das häufige Vorkommen von Schabern charakterisiert. Die Levallois- Technik ist speziell auf die Abschlagsproduktion ausgerichtet.[8] In Europa gibt es die archäologischen Kulturen des Moustérien (nach der Fundstelle Le Moustier) sowie das Micoquien (nach der Fundstelle La Micoque in der Dordogne). Statt Micoquien wird in Deutschland wegen der zu dieser Zeit typischen Keilmesser heute der Begriff Keilmesser-Gruppen bevorzugt.[9] Am Ende des Mittelpaläolithikums steht die Blattspitzen-Gruppe (auch Szeletien).
Zunehmende Verbreitung finden im Mittelpaläolithikum auch Werkzeuge und Waffen, die zum Teil oder zur Gänze aus organischen Materialien hergestellt wurden, beispielsweise Lanzen aus Holz (mit steinernen Spitzen). Derartige Spitzen sind, nach Bosinski, eine Erfindung des Neandertalers; die Lanzen werden, in späterer Zeit, durch die Verwendung von Geweih- statt Steinspitzen perfektioniert. Die Lanzen wurden zur Jagd auf Großwild (Elefanten, Wisente, Bären, Hasen, Füchse) verwendet, was durch Analysen der gefundenen Jagdbeutereste erschlossen wurde.[10] Die Verwendung von hölzernen Stoßlanzen zeigt sich anhand der Lanze von Lehringen; hier sind Steinabschläge, jedoch keine steinernen Lanzenspitzen nachgewiesen.Die in Königsaue (Sachsen-Anhalt) entdeckten Harzklumpen (Birkenpech) könnten vermutlich als Schäftungsmittel benutz worden sein, um die hergestellten Steingeräte an den hölzernen Jagdwaffen zu befestigen. Andere Materialen, wie Knochen, Elfenbein und Geweih, wurden aufgrund von mangelden Funden vermutlich weniger oft verwendet.
In den späten Abschnitten entwickeln sich in Europa bereits Übergangsindustrien wie Châtelperronien, Uluzzien und Bohunicien, die schon Kennzeichen des folgenden Jungpaläolithikums tragen.
Im Mittelpaläolithikum wurden Begräbnisse[11] vorgenommen, die mit einem Kult bzw. einen Jenseitsglauben verbunden werden können. Fundstellen, die diese Deutung stützen, sind u. a. Kebara-Höhle, Shanidar oder La Chapelle-aux-Saints. Stets wurden die Personen in Hockerposition und einer Ost West Orientierung bestattet. Auch der Befund von La Ferrassie [12]bekräftigt diese Theorie. Es handelt sich um sechs Gräber mit Ost-West Orientierung. Neben den Verstorbenen, die alle in seitlicher Hockerstellung aufgefunden wurden, waren Erdhügel und Gruben positioniert, die in ihrem Inneren Tierknochen verbargen. Unter diesen Gräber stellt das Kindergrab einen außergewöhnlichen Fund dar: eines der toten Kinder wurde von drei Schabern bedeckt. Im Allgemeinen ist die Zahl der Kindergräber im Mittelpaläolithikum hoch.
Andere Kulte, die mit dieser archäologischen Kultur[13] in Verbindung gebracht werden sind u.a. der Höhlenbärenkult, der jedoch in der Forschung umstritten ist. Weitere Diskussionen beschäftigen sich mit dem Kannibalismus (Fund bei Monte Circeo) und der Entstehung der „Kunst“ und der „Sprache“. Letzteres wird aufgrund eines Zungenbeinfundes in der Kebara Höhle (Israel) ins Mittelpaläolithikum datiert[14] [15] Auch wenn es noch weiterer Indizien bedarf, gibt es keinen Grund anzunehmen, dass der Neandertaler nicht sprechen konnte. Eine eindeutige Zuschreibung ist aufgrund von anatomischen Merkmalen nicht möglich[16].
Klimatisch erstreckt sich das Mittelpaläolithikum vom späten Abschnitt der Riß- oder Saaleeiszeit, über das Eeminterglazial bis einschließlich zu den unteren Abschnitten der Würm- oder Weichseleiszeit. Dabei nimmt jedoch die zeitliche Verbreitung des klassischen Neandertalers nur den ersten Teil dieser letzten Eiszeit ein (also ca. von 80 000 bis 40 000 Jahren vor heute).[17]
Aufgrund der klimatischen Bedingungen, die während des Mittelpaläolithikums herrschten, benutzten die Menschen häufig Höhlen oder Felsschutzdächer (Abris) als Unterschlupf. Meistens wurden hierbei Eingangspartien oder Höhlenvorplätze bewohnt, da der eigentliche Innenraum der Höhlen aufgrund der Feuchtigkeit ungeeignet für die Bewohnung war. Daher findet man dort nur selten Reste von Besiedlung.
In vielen Höhlen und Abris gibt es jedoch Spuren von Einbauten, wobei es sich meistens um an die Felswand angebaute Hütten handelt (Beispiele: Grotte du Lazaret bei Nizza oder Höhle von Combe Grenal in der Dordogne, wo Pfostenlöcher gefunden wurden, die einen solchen Einbau belegen.[18]