Handicap-Prinzip


Das Handicap-Prinzip ist eine von den israelischen Biologen Amotz und Avishag Zahavi bereits 1975 aufgestellte Theorie, in der Überlegungen aus der Evolutionsforschung und empirische Befunde aus der Verhaltensforschung miteinander verschränkt werden. Das Handicap-Prinzip beschreibt den Umstand, dass ein Handicap auch Stärke demonstrieren kann. Wer trotz Handicap (einem Nachteil) den Wettbewerb mit seinen Artgenossen und Konkurrenten erfolgreich übersteht, wird nach dieser Theorie von seiner Umwelt als besonders lebenstüchtig, potent und dadurch als attraktiv wahrgenommen. Das gilt insbesondere auch für die Sexualität.

Vergeudung von Energie kann sinnvoll sein

Blauer Pfau ♂ (Pavo cristatus), balzend – der lange Schwanz behindert den Pfau bei der Flucht vor Fressfeinden

Amotz und Avishag Zahavi stellen die These auf, dass soziale Signale nur dann glaubwürdig sind, wenn der Signalgeber ein Handicap in Kauf nimmt. Die Verständigung zwischen Lebewesen erfolgt über Signale, die einen besonders großen Aufwand erfordern. Denn wenn ein Signal wirksam sein soll, dann muss es zuverlässig sein, und wenn es zuverlässig sein soll, dann muss es „kostspielig“ sein. Anders formuliert: Vergeudung von Kraft und Energie kann sinnvoll sein, weil man dadurch schlüssig zeigt, dass man mehr als genug davon besitzt und somit etwas zu vergeuden hat - gerade die Verschwendung macht das Signal glaubwürdig.

Die 1975 aufgestellte Theorie ist in der Verhaltensbiologie heute weitgehend zur Erklärung auffälliger Ornamente visueller, akustischer oder olfaktorischer Art akzeptiert.

Beispiele

Diese Deutung von Körper- und Verhaltensmerkmalen widerspricht diametral der „Sackgassen-Theorie“, der zufolge zum Beispiel der männliche Pfau gewissermaßen in eine Sackgasse der Evolution geriet, weil die Weibchen seit Urzeiten Sexualpartner mit möglichst großen und sauberen Schwanzfedern bevorzugten. Aus dieser „Sackgasse“ könne er nun nicht mehr heraus, obwohl das Schwanzgefieder ihn am Fliegen hindert und so auch seine Fähigkeit zu rascher Flucht erheblich einschränkt. Dem Handicap-Prinzip zufolge ist es gerade dieser augenfällige Nachteil, der seine Eignung als Sexualpartner für das umworbene Weibchen glaubwürdig macht.

Der Charme dieser Theorie besteht darin, dass sie eine endlose Reihe neuer Verständnismöglichkeiten für ansonsten sehr verwunderliche Verhaltensweisen und körperliche Merkmale ermöglicht hat: Das Handicap-Prinzip kann zahlreiche Phänomene erklären, die sich nicht einfach aus den direkten Tauglichkeitserwägungen der natürlichen Auslese ergeben.

So zum Beispiel auch das Verhalten einer Gazelle, die einen Beutegreifer in ihrer Nähe entdeckt hat: Statt zu fliehen, springt sie oft mehrfach mit allen vier Beinen zugleich in die Luft; wenn sie dann läuft, schwingt sie ihren schwarzen Schwanz auffällig vor ihrem weißen, schwarz umrandeten Rumpf hin und her. Eine zum Beispiel von einem Auto aufgeschreckte Gazelle hingegen rast umgehend davon und nutzt alle örtlichen Gegebenheiten, um nicht gesehen zu werden. Das auf den ersten Blick unpassende Verhalten der Gazelle kann im Licht des Handicap-Prinzips umstandslos erklärt werden: Sie signalisiert ihrem Feind zum einen, dass sie ihn gesehen hat. Indem sie ihre Zeit mit Luftsprüngen „vergeudet“, statt Reißaus zu nehmen, versichert sie ihm zum anderen, dass sie in der Lage ist, ihm zu entkommen. Verzichtet der Beutegreifer nun auf einen Angriff, haben beide Energie gespart – die Gazelle muss nicht ernstlich wegrennen, und der Beutegreifer spart sich seine Kraft für eine weniger kräftige Gazelle auf.

Auch das im Dunkeln auffällig leuchtende Hinterteil eines fliehenden Kaninchens kann in diesem Sinn als soziales Signal an einen Fressfeind gedeutet werden, im Sinne von: „Ich bin so kräftig, dass ich mir diesen Leuchtfleck leisten kann, obwohl er dich wie ein Licht zu mir leiten könnte.“ Vergleichbares gilt für die oft übertrieben groß erscheinenden Geweihe und Gehörne vieler Tierarten.

Amotz und Avishag Zahavi sehen ferner in vielen Lautäußerungen von Vögeln und anderen Tieren, die häufig als Warnrufe für die Artgenossen gedeutet wurden, in erster Linie ein Signal an den potentiellen Fressfeind, im Sinne von: „Ich habe dich bemerkt, ich kann es mir leisten, mich für dich auffindbar zu exponieren, weil ich geschickt genug bin, rechtzeitig vor dir zu flüchten.“

Zu den weiteren Beispielen, die in ihrem Buch „Signale der Verständigung“ ausführlich dargestellt werden, gehört u. a. das Brunftgeschrei der Hirsche, das auffällige Gefieder einiger Fasane, die Gesänge und langen Balzflüge der Lerchen, das „Tanzen“ der Birkhühner, die „Brautgaben“ der Möwen, das stundenlange Singen von Grillen und die Leuchtsignale der Glühwürmchen. Im letzten Kapitel des Buches wagen sie sogar einen Blick auf bestimmte Verhaltensweisen des Menschen, u. a. erörtern sie den sozialen Nutzen von Homosexualität.

Empirische Belege

Die Theorie von Amotz und Avishag ist durch diverse Feldstudien und andere empirische Versuche belegt.

Die Mähne bei afrikanischen Löwen

Männliche afrikanische Löwen, die körperlich sehr fit sind, entwickeln beispielsweise eine eindrucksvolle dunkle Mähne. Sie ist der visuelle Ausdruck eines hohen Testosteron-Spiegels und guter Ernährung, sie bedeutet für das Individuum auch, dass es in der sengenden Sonne der afrikanischen Savanne einem deutlich erhöhten Hitzestress ausgesetzt ist. Feldversuche mit ausgestopften männlichen Löwen zeigten, dass Weibchen sehr positiv auf männliche Tiere mit ausgeprägter Mähne reagieren. Männliche Konkurrenten dagegen gehen solchen Individuen eher aus dem Weg. Dieses Signal körperlicher Fitness reduziert daher riskante Kämpfe.

Eierschalen-Färbung und Immunsystem beim Trauerschnäpper

Trauerschnäpperweibchen auf Gelege, ein Ei ist zu sehen

Der Ornithologe Juan Moreno vom Nationalmuseum für Naturwissenschaften in Madrid hat im März 2006 eine Studie zur Bedeutung der bläulichen Eierfarbe beim Trauerschnäpper veröffentlicht. Bläuliche Eier sind in einem Nest viel auffälliger als graue und somit fast ein Lockmittel für Eierfresser. Außerdem bedeutet die Herstellung gerade des Farbstoffs Biliverdin für die Mütter einen besonders hohen physiologischen Aufwand, und der kann sich im Verlauf der Stammesgeschichte nur dann entwickelt haben, wenn ihm ein entsprechender Nutzen gefolgt ist.

Die Befunde des Madrider Forschers lauten: Je blauer das Ei, desto größer die Chancen für den geschlüpften Jungvogel, dass er die ersten zwei Lebenswochen gesund übersteht. Das liege jedoch nicht unmittelbar an der blauen Farbe. Die Farbe sei vielmehr bloß ein Zeichen dafür, dass die Mutter gesund war. Neben den Farbstoffen habe sie daher auch viele mütterliche Antikörper an den Nachwuchs weitergeben können. Auf diese Weise könnten sich Küken aus stark gefärbten Eiern besser gegen Krankheitserreger wehren als Küken aus schwach gefärbten Eiern. Der Forscher geht davon aus, dass die Farbe auch als Signal an die Eltern dient: Je blauer die Eier, desto lohnender, sie zu bebrüten. In einer Folgestudie soll mit Hilfe von künstlich eingefärbten Eiern untersucht werden, ob Männchen sich intensiver an der Brutpflege beteiligen, wenn die Eier besonders intensiv gefärbt sind.

Siehe auch

Literatur

  • Amotz Zahavi, Avishag Zahavi: Signale der Verständigung. Das Handicap-Prinzip. Insel Verlag, Frankfurt am Main 1998, ISBN 345816927-X
  • Amotz Zahavi: Mate selection: A selection for a handicap. In: Journal of Theoretical Biology 53, 1975, S. 205 – 214.

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